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New York Memories

D 2010. R,B: Rosa von Praunheim. K: Lorenz Haarmann, Jeff Preiss. S: Mike Shephard. M: Andreas Wolter. P: Rosa von Praunheim Filmproduktion.
89 Min. Basis ab 15.7.10

Über Leben in New York

Von Jochen Werner »Die schwulste Stadt der Welt«, so Rosa von Praunheim im Prolog seines neuen Films, sei New York. Hier hatte er den geilsten Sex, mit Bodybuildern und Warhol-Superstars. Nachdem das klargestellt ist, kann sich New York Memories dann weniger narzißtischen Dingen zuwenden.

Im Grunde hat dieser Film nämlich einiges zu erzählen. Als eine Art Sequel zu seinem Film Überleben in New York (1989) greift New York Memories zunächst einige Fäden aus ersterem auf, um die Geschichten der Protagonisten fortzuschreiben und gleichzeitig die Veränderungen zu skizzieren, denen diese Stadt in den letzten vier Dekaden unterworfen wurde. So gelang es zwar Bürgermeister Rudolph Giuliani, mit seiner »Zero Tolerance«-Politik die zuvor exorbitant hohen Kriminalitätsraten in den Griff zu bekommen, gleichzeitig radierte er aber, nicht selten durch die gleichen Gesetze, große Teile der homo- und transsexuellen Subkultur aus. Rosa von Praunheim spürt dieser einst so florierenden, vielfältigen Kultur nach, indem er vor allem die Orte und Menschen seiner eigenen, persönlichen Erinnerungen an New York erneut aufsucht.

In diesem Ansatz liegt auch die größte Stärke dieses schönen Films, dem es über weite Strecken gelingt, eine offen persönliche Perspektive mit spürbar ehrlichem Interesse für seine Gesprächspartner und Protagonisten zu verbinden. Von den drei deutschen Frauen, die von Praunheim in Überleben in New York portraitierte, ist eine inzwischen nach Kalifornien geflohen, die anderen beiden harren noch immer aus und haben inzwischen sehr Unterschiedliches erlebt. Während Journalistin Claudia in ihrer Wohnung brutal vergewaltigt wurde, erzählt die mittlerweile in Harlem lebende Anna vom blühenden urbanen Leben in dem einst als Slum verfemten und als höchstgefährlich geltenden Viertel. Neben diesen bereits seit Jahrzehnten in New York verorteten Frauenbiographien erzählt New York Memories aber, in Gestalt der Schwestern Marie und Lucie Pohl, auch von jungen Frauen, die nach ersten Erfolgen als Künstlerinnen in Deutschland in New York noch ganz am Anfang stehen. Weitere Abschweifungen stellen dann noch illustre Gestalten wie Reverend Billy, Gründer der Church of Non Shopping, oder auch den 13jährigen Isaac vor, der sich, als Mädchen geboren, bereits im Alter von zwölf Jahren per YouTube-Video als transsexuell outete. So entsteht allmählich ein vielfältiges Panorama von New Yorker Lebensentwürfen, und eher als eine dröge Faktensammlung sucht die angestrebte anekdotische Form einen Eindruck davon zu vermitteln, was es bedeuten und wie es sich anfühlen könnte, an diesem ganz speziellen Ort ein Leben zu leben. Und nach kurz anmutenden 90 Minuten ist dieser äußerst lebenspralle Stadtfilm dann leider auch schon wieder zu Ende. 2010-07-13 09:22

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #59.
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