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Männer al dente

Mine vaganti. I 2010. R,B: Ferzan Ozpetek. B: Ivan Cotroneo. K: Maurizio Calvesi. S: Patrizio Marone. M: Pasquale Catalano. P: Fandago. D: Riccardo Scamarcio, Alessandro Preziosi, Nicole Grimaudo, Carolina Crescentini, Elena Sofia Ricci, Ennio Fantastichini, Daniele Pecci u.a.
110 Min. Prokino ab 15.7.10

Che cos'è l'amor

Von Marieke Steinhoff »Die Liebe ist ein Stein im Schuh«, sang schon der großartige Vinicio Capossela, und das Figurenensemble in Männer al dente wird ihm da nicht widersprechen: Alba verliebt sich in Tommaso, aber Tommaso liebt Männer, sein Bruder Antonio, ebenfalls nur an Männern interessiert, verliert seine große Liebe, da er sich nie öffentlich zu ihr bekannt hat, Familienpatriarch Vincenzo verstößt Antonio nach dessen Coming Out und flüchtet sich in die Arme seiner Geliebten, sehr zum Leidwesen der betrogenen Ehefrau… und so geht es weiter im turbulenten Liebesreigen, bis man nach knapp zwei Stunden erschöpft zurückbleibt ob des Feuerwerks an Liebe, Leid und gefühlten hundert Familienessen im Hause der Cantones.

Man ist geneigt, dieser leicht überdrehten Komödie mit einem Achselzucken zu begegnen oder sich genüßlich in den angebotenen Klischees südländischen Familienlebens zu suhlen – nichts anderes verspricht denn auch der deutsche Verleihtitel, welcher sich auf die augenscheinlichsten Säulen des Films stützt: knackige Männer und leckere Pasta. Der Originaltitel »Mine vaganti« verweist wiederum auf die Fragilität des schönen Scheins, bedeutet dieser doch, daß irgendwo eine nicht lokalisierbare Bombe lauert, die jederzeit explodieren kann. Und so erhört man hier und da einen schiefen Ton im fröhlichen Treiben, bis es dann wirklich zu einer kleinen Explosion kommt, die Platz schafft für Trauer, aber auch zum Befreiungsschlag innerhalb veralteter Konventionen führt.

Die angedeutete Doppelbödigkeit verliert sich allerdings in der überbordenden Schönheit des Ozpetekschen Bilderflusses – die Risse in der perfekt wirkenden Oberfläche werden lediglich auf narrativer Ebene thematisiert, bildsprachlich bleibt Männer al dente glatt und ohne Überraschungen; die Kamera umkreist elegant tänzelnd die schönen Schauspieler, das Licht ist stets warm und weich, der Schnitt fließend. Die Figuren in Männer al dente mögen zwar alle das Drücken im Schuh bemerken, humpeln tun sie deswegen noch lange nicht – wenn schon untergehen, dann wenigstens erhobenen Hauptes und gutgeschminkt. Das ist unterhaltsam anzusehen, verliert sich aber nach Verlassen des Kinos wie der laue Sommerwind Apuliens in den Kleidern der Frauen. 2010-07-12 09:18

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #59.

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