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Moon

GB 2009. R: Duncan Jones. B: Nathan Parker. K: Gary Shaw. S: Nicolas Gaster. M: Clint Mansell. P: Liberty Films UK, Lunar Industries, Xingu Films. D: Sam Rockwell, Kaya Scodelario, Dominique McElligott, Matt Berry, Malcolm Stewart, Benedict Wong, Robin Chalk, Rosie Shaw, Adrienne Shaw.
97 Min. Koch Media ab 15.7.10

Mondscheinsonate

Von Sascha Ormanns »I am / the one and only…«, erklingt es allmorgendlich aus des Protagonisten Wecker, beinahe polemisch mutet der Liedtext sowohl intra- als auch extradiegetisch an: Gilt der britische Musiker Chesney Hawkes rückblickend doch einerseits als One Hit Wonder, und spiegelt diese Liedzeile doch zugleich wenig subtil und provokativ die Lage Sam Bells wider, der Hauptfigur aus Duncan Jones' Debütfilm Moon, die, isoliert und zunehmend vereinsamt, den Abbau von »Helium 3« koordiniert, einer für die innerfilmische Gegenwart ähnlich bedeutsamen Ressource wie das Erdöl heutiger Zeit. »The One and Only«, zu diesem Zeitpunkt unbemerkt, deutet musikalisch bereits narrativ zukünftige Ereignisse an – spielt mit Indizien, läßt Annahmen über den Wendepunkt des Films zu, der glücklicherweise nicht, wie beispielsweise im Shyamalanschen Schaffen üblich, einzig dem Überraschungsmoment dient. Und wohl auch deshalb wesentlich früher stattfindet. Duncan Jones und Drehbuchautor Nathan Parker nutzen ihn vielmehr, um ihre Erzählung eindeutiger im Science-Fiction-Genre zu verankern.

Daß Duncan Jones in Moon, konträr zu den zeitgenössischen Gepflogenheiten des Genres, auf ausschweifende Actionelemente und überbordende Computereffekte verzichtet, kann ihm gar nicht hoch genug angerechnet werden. Stattdessen konzentriert er sich auf einen bedachten Einsatz filmischer Mittel, die zu keiner Zeit das Mitzuteilende übertünchen – sich diesem viel eher unterordnen und ihm gleichermaßen dienlich sind. Wenn sich die Filmemacher zum Beispiel bei den Außenaufnahmen auf dem Mond dazu entscheiden, diese an einem Miniatur-Modell zu fotographieren, mag das zunächst antiquiert erscheinen, liefert aber bessere Ergebnisse als der ausschließliche Einsatz von CGI – gerade bei einem extrem begrenzten Budget von gerade einmal fünf Millionen Dollar, wie es für Moon zur Verfügung stand; Autor und Regisseur waren so gezwungen, eine Geschichte zu entwickeln, die mit einer minimalen Besetzung und einem begrenzten Handlungsraum auskommt, wodurch eine streckenweise beklemmend-kammerspielartige Atmosphäre entsteht, die die Einsamkeit der Hauptfigur noch akzentuiert.

Wie schon Duncan Jones' Vater, David Bowie, der sich für seinen Hit »Space Oddity« von Stanley Kubricks 2001 – Odyssee im Weltraum hat inspirieren lassen, schmückt auch er Moon 40 Jahre später mit Reminiszenzen an Kubricks oscarprämiertes Meisterwerk. Jedoch stellen diese nie simple Reproduktion dar, sind sie doch vielmehr als Hommage mit spürbar eigener Handschrift zu lesen. Die Kombination aus neuen Ideen und Verweisen auf Kinoklassiker des Science-Fiction-Genres ist es letztlich, die Moon so spannend und intensiv macht: Die Bilder der Mondstation ähneln stark denen aus 2001; Gerty, der Stationscomputer in Moon, ist HAL 9000 in abgewandelter Form, der hier mit monotoner Stimme spricht. Statt eines roten ist er mit einem blauen Kameraauge ausgestattet, das hier zwar ein weniger zentrales Motiv ist als bei Kubrick, aber nichtsdestoweniger ein wichtiges semantisches Element darstellt. Gerade zurückschauend, auf den Handlungsverlauf von 2001 und HALs Verhalten, vermutet man als Zuschauer eine inhärente Gefahr und wartet auf den Moment, in dem man sich ebenso wie der Protagonist dieser gewahr wird. Moon arbeitet zusätzlich mit heutzutage gängigen Kommunikationscodes, um dieses Unbehagen noch zu potenzieren: Gertys einzige Möglichkeit, Empfindungen zu artikulieren, besteht in der Verwendung von Emoticons, die er über ein Display nach außen trägt, die allerdings keine ambivalenten Deutungsmöglichkeiten zulassen und dennoch die Wahrnehmung des Publikums intensivieren. Die melancholische Grundstimmung von Moon wird ebenso von der Tonebene gespiegelt, ein subtiles Wabern und Brummen ist da zeitweise zu vernehmen und kulminiert mit Clint Mansells repetitivem Soundtrack zwischenzeitlich zu einer fesselnden Klangbedrohung. Diese mutet zwar deutlich subtiler an als in Aronofskys Requiem for a Dream, erzeugt aber nichtsdestoweniger eine vergleichbare Verstörtheit. Duncan Jones ist mit Moon ein erstaunlich konsequenter Debütfilm gelungen, der alte Tugenden des Science-Fiction-Genres wiederbelebt und für den der Regisseur in diesem Jahr völlig zurecht mit dem BAFTA-Award ausgezeichnet wurde. 2010-07-08 11:58

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