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Herbstgold

D/A/IRL 2010. R,B: Jan Tenhaven. K: Martin Langner, Marcus Winterbauer. S: Jürgen Winkelblech. M: Andy Baum. P: Gebrüder Beetz Filmproduktion.
94 Min. Neue Visionen 8.7.10

Höher, schneller, weiter, älter

Von Tamar Baumgarten-Noort Als Alfred Proksch das Rentenalter erreicht, ist Amerika noch mit Vietnam im Krieg. Inzwischen ist der Österreicher hundert Jahre alt und fühlt sich kein bißchen so. Seine Leidenschaften: Zeichnen, Frauen – und Diskuswerfen. Die anderen vier Protagonisten in Jan Tenhavens Film sind auch ordentlich betagt, arbeiten aber an Rekorden im Hochsprung, Hundertmeterlauf oder Kugelstoßen. Herbstgold begleitet sie auf ihrem Weg zur Leichtathletik-WM für Senioren in Finnland. In einer Lebensphase, in der für die meisten der Alltag beschwerlicher und langsamer wird, blühen diese fünf noch einmal auf und suchen die große Bühne.

Natürlich sieht man einem Körper, der ein Jahrhundert auf dem Buckel hat, beim Training die Jahre an – geschmeidig wie junge Sportler sieht keiner von ihnen aus. Oft kostet das Training allein schon so viel Kraft, daß kaum Puste bleibt.

Ein Film über alte Leute, die Sport machen, kann entweder die klassischen Maßstäbe der Leistungsgesellschaft anlegen – dann fragt er nach den Leistungen der Alten, hebt das Skurrile hervor, weil ein alter Körper nun mal nicht zu dem Bild sportlicher Eleganz paßt, das im kollektiven Gedächtnis verankert ist. Oder er kann nach den Motiven fragen: Warum treiben die über 80jährigen ihre alten Knochen noch durch den kalten Wind beim morgendlichen Training? Der Kampf, den sie aufnehmen, ist schließlich aussichtslos: Der Alterungsprozeß ist nicht aufzuhalten.

Jan Tenhaven hat sich für den zweiten Weg entschieden und fünf würdevolle Portraits geschaffen. Für jeden erfüllt die Leichtathletik eine andere Funktion: Für die italienische Diva Gabre Gabric erhält der Sport einen Hauch von Schönheit und Jugend; für Alfred Proksch ist es der Kampf gegen den Verfall des Körpers, der dennoch unerbittlich voranschreitet; Jiri Soukop hat sein Leben lang nichts anderes getan und sieht nicht ein, warum er im Alter damit aufhören sollte.

»In der Zeit danach bin ich ein Jahr lang jeden Morgen auf den Sportplatz und jeden Nachmittag zum Friedhof«, sagt Ilse Pleuger, die mit dem Kugelstoßen den Tod ihres Mannes verarbeitet hat. Für sie läutete die Leichtathletik einen gänzlich neuen Lebensabschnitt ein.

Herbert Liedtke ist getrieben vom Ehrgeiz, dem Leben noch ein paar Jahre abzutrotzen: »Wenn ich mit dem Sport aufhöre, bin ich in einem Monat tot«, sagt er.

Der Sport gerät so für diese fünf Menschen zu einer höchst privaten Angelegenheit – ihnen dabei zuschauen zu dürfen, ist durchaus als Privileg zu verstehen. Jan Tenhaven hat dieses Privileg gespürt und genutzt: Der Film rückt seinen Protagonisten buchstäblich nah auf die Pelle. Jiris Frau cremt seinen altersbefleckten Rücken ein und schüttelt zwar den Kopf, aber daß sie nach 50 Jahren ihren Mann nicht mehr umstimmen wird, weiß sie genau. In diesen intimen Momenten zeigt der Film einen Alterungsprozeß, der voller Würde ist – er zeigt Menschen, die nicht mit aller Macht jung, sondern um jeden Preis lebendig sein wollen, bis sie die Erde verlassen.

In der Montage kann der Film diesen Blick nicht gänzlich konsequent aufrecht erhalten – gelegentlich blitzt doch das Skurrile auf. Ein Zusammenschnitt der fünf beim Training etwa kehrt durch die Aneinanderreihung der Protagonisten das Possierliche hervor: verschiedene alte Menschen, die versuchen, sich zu bewegen wie junge Leute. Dazu paßt auch, daß jeder von ihnen bei der WM einen Moment in konventioneller Sportheldenoptik, also extremer Slowmotion, bekommt.

Dieser Stil suggeriert sportliches Heldentum nach konventionellen Maßstäben – die greifen aber bei alten Menschen nicht. Nicht mal annähernd reichen sie an die Leistungen von jungen Topsportlern heran.

Alfred, Gabre, Herbert, Ilse und Jiri werden in diesem Film nicht zu Helden im üblichen Sinne. Vielmehr schaffen sie sich mit dem Sport ein Lebenselixier, das sie noch eine Weile auf dieser Erde hält – und erlauben uns, ihnen dabei zuzuschauen. 2010-07-06 18:23
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