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The Doors: When You're Strange

When You're Strange. USA 2009. R,B: Tom DiCillo. K: Paul Ferrara. S: Micky Blythe, Kevin Krasny.
86 Min. Kinowelt ab 1.7.10

Wunderliche Szenen in der Goldmine

Von Werner Busch The program for this evening is not new,
You’ve seen this entertainment trough and trough.
You’ve seen your birth, your life and death,
– You might recall all of the rest.
Did you have a good world when you died?
Enough to base a movie on?

Die Frage aus Jim Morrisons Gedicht »The Movie« kann man im Falle des Autors nur mit einem klaren »Ja« beantworten. Der sensible Hobby-Poet und Filmstudent, der im Venice der 1960er in eine Band stolpert und binnen kürzester Zeit zur düsteren Stimme der gesamten Flower-Power-Generation wird, Drogen und Alkohol verfällt, um mit nur 27 Jahren an einer Überdosis zu verenden, das bot Anlaß genug für eine Myriade an Monographien, Artikeln und immer neuen Best-of-Alben, die immer noch neue, begeisterte Hörer finden. Und einen Spielfilm von Oliver Stone, der durch einen großartigen Val Kilmer begeisterte, den Kenner aber durch dramaturgisch nicht notwendige und vielzählige Abweichungen von der Wirklichkeit irritierte. Es schien, die »wahre Geschichte« der Doors müsse erst noch filmisch erzählt werden.

Independent-Filmer Tom DiCillo kennt man immer noch überwiegend aufgrund seines Überraschungshits Living in Oblivion aus dem Jahr 1995. Obwohl DiCillo auch weiterhin überzeugende, warmherzige Tragikomödien mit tollen Schauspielleistungen realisierte, wie zuletzt Delirious aus dem Jahr 2007, verschwand der sympathische Sunnyboy, ein ehemaliger Weggefährte von Jim Jarmusch, zunehmend vom Radar der allgemeinen Wahrnehmung. Das könnte sich nun mit seinem ersten Dokumentarfilm When You're Strange ändern.

Bestimmend für den Film ist der Ansatz, vollständig auf obligatorische Interviewszenen zu verzichten und die Geschichte ausschließlich mit Archivmaterial zu erzählen. Die Konzertszenen aus der Hollywood-Bowl und einige andere Bilder sind zwar hinlänglich bekannt, DiCillo stand aber auch sehr viel ungesehenes oder kaum gesehenes Material zur Verfügung, daß durch seine wirklich hervorragende Bildqualität besticht. Auch Szenen aus dem Fragment HWY: An American Pastoral hat man noch nie in solcher Pracht gesehen, geradezu erschreckend lebendig und frisch wirken die Bilder von Morrison, daß man beinahe glauben möchte, die Szenen seien für den Film re-inszeniert worden, was aber nicht der Fall ist. Zusammen mit der beinahe durchgehenden Verwendung von Doors-Musik und der großartigen Montagearbeit von Micky Blythe und Kevin Krasny wird der Film dadurch in vielen Sequenzen zu einer beinahe bedrückend mitreißenden Zeitreise, der man sich nicht entziehen kann.

Und dann gibt es da noch den Off-Kommentar. Eingesprochen von Johnny Depp. Eine zwiespältige Angelegenheit. Einerseits ist es quasi unmöglich auf Erklärungen zu verzichten, etwa bei den Querelen um die Show, bei der Morrison seinen Penis auf offener Bühne entblöst haben soll, was der Band nachhaltig schadete, andererseits will diese sachliche Ebene, das Zerlegen in Ursachen und Wirkungen, nicht recht zu dem mitreißenden audiovisuellen Fluß des Films passen. Es wäre ein völlig unvernünftiger, aber vielleicht sehr richtiger Schritt gewesen, diesen so wunderbar auf das Wunder selbst gerichteten Film auch ausschließlich darauf fixiert zu lassen und auf eine durchgehende Narration aus dem Off ganz oder weitestgehend zu verzichten. Denn die letzten Fragen, etwa die nach Morrisons Todesumständen, bleiben ohnehin offen. Und das ist gut so. Es gibt keine »wahre Geschichte«. Mysterien sind unausdeutbar.

I'm getting out of here!
Where are you going?
To the other side of morning
Please don't chase the clouds, pagodas 2010-07-01 12:26

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