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Hanni & Nanni

D 2010. R: Christine Hartmann. B: Jane Ainscough, Katharina Reschke. K: Alexander Fischerkoesen. S: Horst Reiter. M: Alexander Geringas, Joachim Schlüter. P: UFA Cinema, Gesellschaft für feine Filme mbH. D: Sophia Münster, Jana Münster, Hannelore Elsner, Heino Ferch, Suzanne von Borsody, Anja Kling, Katharina Thalbach, Oliver Pocher u.a.
89 Min. Universal ab 17.6.10

Spaß komm raus, du bist umzingelt

Von Natália Wiedmann Es hätte kaum ein passenderes Produktionsland für eine Verfilmung von Hanni und Nanni geben können: Schon zu Lebzeiten stellte Enid Blyton fest, daß sich ihre Bücher bei deutschen Kindern besonderer Beliebtheit erfreuten und hätte doch im Traum nicht ahnen können, daß hierzulande eines Tages mehr unter ihrem Namen rezipiert würde, als sie je geschrieben hat. Um beim Beispiel der Zwillinge zu bleiben sind es lediglich sechs der mittlerweile 27 erhältlichen Bände, die ihrer Feder entstammen; noch umfangreicher ist die Zahl der Hörspielabenteuer, die nicht auf Blytons Büchern basieren. Nicht allein deswegen stimmt, was man mit Blyton verbinden mag, nur bedingt mit den Erzeugnissen der historischen Person Enid Blyton überein: Das Blytonsche Universum expandiert nicht nur über den Tod der Autorin hinaus, es war auch von jeher ein instabiles Universum, positiv ausgedrückt ein wandelbares, das beständig fort- als auch umgeschrieben wurde – buchstäblich, nicht (allein) im Sinne einer Aneignung durch die Leserschaft. Mehrmals wurden die Texte »modernisiert« und nicht nur in Deutschland »national adaptiert«; was Wunder also, wenn David Rudd, der sich differenziert mit Blytons Texten auseinandersetzt, zu einer anderen Einschätzung bezüglich des Sexismus in der Dolly-Reihe kommt als seine deutsche Kollegin Gertrud Lehnert, behandeln sie doch nicht einmal den gleichen Textkorpus. So gibt es bei der Auseinandersetzung mit dem Hanni & Nanni-Film letztlich weder für das Lob noch die Verdammnis einer Vorlagentreue einen Referenzpunkt. Und im Übrigen keinen Grund, einen verstärkten Absatz von Blyton-Bändchen zu befürchten oder zu erhoffen, denn dieser Film ist vor allem phänomenal fad.

Dabei vergeht laut Presseheft kaum ein Tag, an dem die Zwillinge Hanni und Nanni nicht einen Streich aushecken – aber wie so vieles in diesem Film bleibt auch das eine bloße Behauptung, zu sehen ist es nicht. Die Verfrachtung ins Mädcheninternat Lindenhof, dessen Direktorin den beunruhigenden Eindruck erweckt, in ihrem Leben das ein oder andere Räucherstäbchen zuviel entzündet zu haben, bildet den Auftakt für lose verbundene Alltagsabenteuer. Ihr Kondensat läßt sich im zweiminütigen Trailer begutachten, dessen Aneinanderreihung vermeintlich amüsanter Situationen präzise den Filmduktus widerspiegelt: Hier regiert der unbedingte Wille zum Spaß.

Nun läßt sich aber von Kinderdarstellern beileibe nicht erwarten, sich durch schauspielerische Höchstleistungen allein für die Lacher verantwortlich zu zeichnen, und sowohl Drehbuch als auch Montage und Regie haben dabei versagt, sie angemessen zu unterstützen: Die Dialoge sind weit davon entfernt, pointiert zu sein, anvisierte Situationskomik scheitert an unzureichender Vorbereitung und einer schlechten Szenenauflösung; Slapstickeinlagen versagen bei Kindern selten, doch die bleiben quasi Ausrutscher, kaum der Rede wert.

Der Mangel an Komik wird nur noch von der Spannungsarmut übertroffen, ein Resultat, welches sich der harmonischen Symbiose von Inszenierungsfehlern und dem beharrlichen Bemühen verdankt, Konflikte möglichst klein zu halten und eine schnelle Lösung in Aussicht zu stellen. Aber das Mädchen lebt nicht von Zuckerwatte allein und wo nichts auf dem Spiel steht, ist der Einsatz eben auch nichts wert. So läßt auch die klassische Wendefigur der Schuldübernahme für eine Konkurrentin mangels drohender Konsequenzen völlig unbeeindruckt und bleibt, wie die vielen anderen vertrauten Situationen, auf der Stufe eines Cameo-Auftritts. Musikalisch hätte dies kaum besser ausgedrückt werden können als durch den forcierten Score, der sich in pubertärem Gefühlschaos übt und von einer Stimmung in die nächste stürzt, ohne daß wir jemals wirklich im Bilde darüber wären, woraus sich das motiviert.

Lediglich die Entwicklung der Zwillingsbeziehung ist in Ansätzen nachvollziehbar und liefert einen Anknüpfungspunkt zum Alltagserleben junger Mädchen, die nicht gerade damit beschäftigt sind, ihr Pferd vor dem Verkauf oder ihre Schule vor dem Ruin zu retten. Wem es an einem Zwilling oder einer Schwester mangelt, wird das Problem, eine Balance zwischen Identifikation und Abgrenzung zu finden, zumindest aus der Beziehung zur besten Freundin kennen. Doch auch wenn sich die Auseinandersetzung zwischen der ruhigen Nanni und ihrem impulsiven Doppel vom Beginn des Films an abzeichnet, bleibt die Ausarbeitung des Konflikts zu skizzenhaft, um zu überzeugen. Gespannt sein darf man lediglich auf weitere Auftritte von Zoe Thurau; schlagen sich die Zwillingsdebütantinnen auch ganz wacker, ist sie als die neue Mitschülerin Jenny doch die eigentliche Entdeckung. 2010-06-14 10:18

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