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Ich, Tomek

PL/D 2009. R,B: Robert Glinski. B: Joanna Didik. K: Petro Aleksowski. S: Krzysztof Szymanski. M: Cornelius Renz. P: 42film, Widark (PL). D: Filip Garbacz, Bogdan Koca, Dorota Wierzbicka-Matarelli, Piotr Jagielski, Rolf Hoppe, Marek Kalita, Katarzyna Paczynska, Tomasz Tyndyk u.a.
94 Min. Salzgeber ab 10.6.10

Grenzgänger

Von Sarah Sander Ein kindlicher Teenager, der vom ambitionierten Schüler zum Stricher, zum Zuhälter wird. Ein stylisch dünnes Mädchen, das ihren vielleicht ersten Freund für einen Satz neuer Zähne, so schöne, weiße Veneers, in die Kriminalität schickt. Eine grellbunte Disko, die nicht nur Umschlagplatz für erste Küsse, Drinks und Schiebegeschäfte ist, sondern auch Kinderstube für verkäuflichen Sex. Ich, Tomek portraitiert eine Jugend im polnisch-deutschen Grenzstädtchen Gubin, 2000, als das Schengen-Abkommen in Kraft tritt und die Grenzen durchlässig werden, auch für den Sextourismus. Er zeigt eine Generation Jugendlicher, die sich für alles Mögliche, für Parfüm, Kosmetik, Klamotten, für den Traum von Luxus, prostituiert. »Swinki« heißen die im polnischen Grenz-Slang, Schweinchen.

Es mag an der deutschen Koproduktionsfirma gelegen haben, die, als sie 2005 zu Swinki, dem Filmprojekt des polnischen Regisseurs Robert Glinski, stieß, schon in der damaligen Drehbuchfassung die »Chance auf einen wirklich ergreifenden Film, der von einem großen Konflikt erzählt« sahen (wie Eike Goreczka, der deutsche Koproduzent, schreibt) – oder an der deutschen Synchronisation: Ich, Tomek kommt ärgerlich hölzern daher. Die Konfliktkonstruktionen zwischen Eltern und Kindern, zwischen Tomek und seinem Leben rund um das Schulteleskop, zwischen kindlicher Unsicherheit und jugendlichem Geltungsdrang, zwischen Perspektivlosigkeit und der Aussicht auf das schnelle Geld sind allzu holzschnittartig angelegt. Und das, wo doch die Kamera so aufmerksam und beweglich ist, daß ihr nichts zu entgehen scheint. Und wo die Alltagsszenen auf polnischer Seite gerade in den Details, in den unsanierten Straßenzügen, dem Pink und Türkis und Goldglimmer der Klamotten und der hoffnungslos aufrichtigen Mutter so gut beobachtet zu sein scheinen, daß sich noch erahnen läßt, was hinter diesem Film steckt: Die eindringliche und nicht aufdringliche Geschichte von einem Jungen, den die dreisten Forderungen seiner ersten Freundin, das Verknallt-sein und Cool-sein-wollen und die aussichtslose Joblage im polnischen Grenzgebiet in die Prostitution treibt, zum schmutzigen, schnellen Geld, das Anerkennung verspricht.

Und auch die Filmographie von Robert Glinski verspricht eigentlich nur Gutes: Seit seinem Debut Sonntagsspielereien (1983) gewann er Preise und Auszeichnungen für fast all seine Spielfilme auf polnischen wie internationalen Festivals, macht er als Regisseur von Dokumentarfilmen auf sich aufmerksam, arbeitet an diversen Theatern und beim Fernsehen. Studiert hat er erst Architektur, dann Filmregie an der renommierten Filmhochschule in Lodz. Das mag seinen Blick für eindrückliche Stadtkulissen geschärft haben, seine Filme finanziert das allein leider noch nicht. Der Wille »zum ganz großen Konflikt«, zum »wirklich ergreifenden Film« überstrapaziert einen Plot, der nur noch in Detailaufnahmen funktioniert. Doch die schön kaputt komponierten Bilder, die dunkel satte Industriefarbigkeit und eine Regiearbeit, die, so sehr sie sich auch auf die Jungendlichen konzentriert, ihnen immer ein gewisses Unverstandensein läßt, hinterlassen dann trotz des hölzernen Ärgerns ein dumpfes Gefühl im Bauch, eine schale Niedergeschlagenheit, die einem den Tag aufs Schönste verdirbt. 2010-06-07 15:34
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