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Our beloved month of August

Aquele Querido Mês de Agosto. P 2008. R,B,S: Miguel Gomes. B: Mariana Ricardo, Telmo Churro. K: Rui Poças. S: Telmo Churro. P: Shellac Films, O Som e a Fúria.
150 Min. Arsenal Institut ab 3.6.10

Sommer leben

Von Sarah Sander Bilder. Von Hühnern, von Leuten, von Musikkapellen. Gruppen von Menschen, die sich nachts, im blau-lila Kunstnebel, zu den populären Schlagern wiegen, die baden, singen oder mit ihren Motorrädern auf einem Festivalgelände campieren. Die Hockey spielen, nach Waldbränden Ausschau halten oder das Radioprogramm kommentieren. Portugal im Sommer, irgendwo in den Bergen, da, wo sich scheinbar kaum ein Tourist hin verirrt.

Über die schön komponierten, ruhigen Dokumentaraufnahmen legen sich die Schlager der regionalen Bands, legen sich Geschichten, Interviews. Langsam, ganz langsam, zeichnen sich einzelne Figuren ab, tauchen dieselben Namen wieder und wieder in den verstreuten Erzählungen auf, bekommen einzelne Personen Kontur. Paulo ist einer davon. Paulo, the river kid, der Mann, der den Fluß wie wohl kein zweiter kennt, der von der Brücke springt, nachts, immer wieder, um sich oder irgendeinem jungen Mädchen was zu beweisen, wer weiß. Paulo, der sich verletzt hat, wohl gleich mehrere Male – beim von der Brücke springen, sagen die einen, bei der Auseinandersetzung mit den Marokkanern, die anderen. Bis Paulo, the river kid, der Mann, der trotz wiederholt gebrochener Beine immer wieder von der Brücke springt, bis Paulo zum ersten Mal im Bild ist und seine Geschichte noch einmal, selbst, erzählt, wurde sie schon drei, vier Mal, immer etwas anders, immer von anderen vorgetragen. Paulo ist wohl so was wie eine Legende hier im Dorf. Der Film entwickelt diese Legende langsam, ganz in Ruhe, durch die unkommentierte Montage der sich überlappenden Erzählungen.

Und dann, ganz allmählich, gleiten einige Personen und gleitet der Film vom Dokumentarischen in die Fiktion, erzählt eine merkwürdige Familiengeschichte, hier, im dokumentierten und erzählten Dorf. Gerahmt von inszenierten Gesprächen zwischen Regisseur und Produzent – über das Drehbuch, das Projekt, die Ab- und Umwege des entstehenden Films – und durchsetzt von Aufnahmen vom aufnehmenden Tonmann oder von Laienschauspielern im Pausengespräch, entspinnt sich eine phantastische Geschichte um Vater, Tochter und Cousin. Das Wunderbare hieran ist, daß die Geschichte trotz der ausgestellten Inszenierung und mehrfachen Gebrochenheit niemals die Leichtigkeit und Faszination ihrer Fiktion verliert.

Einmal, im Haus des Vaters, das Essen ist vorbereitet, die Kapelle zieht spielend ein, die Gäste halten sich im Bildhintergrund – Männer und Frauen mit ernsten Sommer-Gesichtern – entspinnt sich in getragenem Balladenstil ein Freestyle-Kampf zwischen zweien der Gäste, wie ihn jenseits der 8-Mile-Road wohl keine Crew härter austrägt:

»Ich hatte ein paar Bier zu viel – aber sind dies Vater und Tochter – oder Mann und Frau? / Ich hatte ein paar Bier zu viel – aber sind dies Vater und Tochter – oder Mann und Frau?«

Die Kamera schwenkt langsam über die Reihe der anwesenden Gäste, an betroffenen Gesichtern vorbei zu der gesungenen Entgegnung an der anderen Seite des Raums – und an zustimmend belustigten Gesichtern zurück:

»Schlecht über das Leben anderer zu sprechen, ist ein gemeiner, engstirniger Akt, / Schlecht über das Leben anderer zu sprechen, ist ein gemeiner, engstirniger Akt. / Oder hättest du es vielleicht gern, wenn hier davon gesungen würde, / – wie dein Bruder sich mit Venom Gift umgebracht hat? / Oder hättest du es vielleicht gern, wenn hier davon gesungen würde, / – wie dein Bruder sich mit Venom Gift umgebracht hat?!«

Die Begleitmusik des Films ist in Our beloved Month of August ein zentraler Protagonist; nicht nur, wenn sie, wie hier, die Geschichte weitererzählt. Die populären regionalen Bands, mit ihren nächtlichen Auftritten, den Proben und sommerlich sehnsüchtigen Texten, liefern nicht nur den portraitierten Soundtrack des Films, sie transportieren auch das wohlige Gefühl eines warmen südlichen Sommers, erzählen den Geschmack der staubigen Luft und den Geruch nach schalem Bier, wie es kaum eine Farbe oder Landschaft vermag. Ob die Protagonisten die Bilder und Geschichten ihrer Musik leben oder die Musik die Bilder ihrer Lebensgeschichten vertont bleibt dabei ebenso in der leichten Schwebe des sommerlichen Films wie Unterscheidungen zwischen Wahrheit und Erzählung, Dokumentarismus und Inszenierung oder Liebe und Fiktion. 2010-06-02 12:00
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