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Diamantenhochzeit

D 2009. R: Michael Kupczyk. B: Georg Piller, Tilmann Warnke. K: Ergun Cankaya. S: Katharina Kreutz. M: Ingo Frenzel. P: aquafilm. D: Marleen Lohse, Jörg Pohl, Anja Franke, Martin Brambach, Dietrich Hollinderbäumer, Ute-Maria Schütze, Helmut Rühl, Udo Kroschwald u.a.
84 Min. Alpha Medienkontor ab 3.6.10

Tortur und Torte

Von Carsten Tritt Daß es zu Michael Kupczyks wertvollsten Fähigkeiten gehört, Charaktere auch in Extremsituationen noch glaubwürdig zu inszenieren, hat er in seinem packenden Debütfilm Nordstadt unter Beweis gestellt. So ist es auch die große Stärke von Diamantenhochzeit, daß seine Protagonisten echt bleiben, wenn sie eine Werteverschiebung dahin durchmachen, daß etwa für den braven Alex der von seinem Vater versehentlich erschossene Diamantenkurier im Kofferraum bloß zu einem störenden, nervenden Hindernis degradiert wird, weil dies gerade an dem Tag passiert, an dem mit seiner Hochzeit ein für ihn deutlich wichtigeres Ereignis fest eingeplant ist.

Die Ausgangssituation von Georg Pillers Drehbuch weiß zu überzeugen und wird darüber hinaus schlüssig in Szene gesetzt, vor allem die männlichen Rollen sind glänzend besetzt: Jörg Pohl, der schon in Nordstadt die Hauptrolle spielte, als Bräutigam, und Martin Brambach und Dietrich Hollinderbäumer als Väter von Bräutigam und Braut; vor allem Hollinderbäumer mit seinem trockenen Spiel und präzisen Timing gehören einige der besten Szenen. Umso bedauerlicher ist hingegen festzustellen, daß der Film alsbald doch aus dem Rhythmus kommt, wenn tragischere oder ernstere Szenen zu sehr ausgeführt werden; ein Makel, der offenbar schon im Drehbuch angelegt und nicht ausreichend reduziert wurde. Zwar schadet es Diamantenhochzeit noch nicht, daß er seinen Figuren auch ein paar »wahre« Momente gönnt, doch diese werden zu sehr zu fremd wirkenden Handlungsteilen und nehmen zu viel Raum ein, verschieben so die Stimmung übermäßig ins Ernste, und lassen den Gesamtfilm eher zur grauen denn zur schwarzen Komödie werden. Hinzu kommt, daß sogar Kupczyks eigene Stärke als Regisseur in Verbindung mit den Schwächen des Drehbuchs ein wenig das Gelingen des Films verhindert, da die Antagonisten, zwei schwule Verbrecher, durchaus als bösartig und gewaltbereit inszeniert, sie aber dennoch von Kupczyk und ihren beiden Schauspielern Helmut Rühl und Udo Kroschwald zu menschlich dargestellt werden, um ihnen das schlimme Schicksal, daß das Drehbuch für sie vorgesehen hat, wirklich zu gönnen.

Was bleibt, ist ein Film, der vielleicht dem Publikum nur eingeschränkt zu empfehlen ist, der aber den Rezensenten dennoch positiv und hoffnungsfroh stimmt, beweist er doch, daß in einem an sich schönen Genre, in welchem mit schlimmen Mißgriffen wie Mord ist mein Geschäft, Liebling oder Jerry Cotton viel Schaden angerichtet wurde, durchaus noch mit gelungenen deutschen Produktionen zu rechnen sein kann. Diamantenhochzeit war hier über weite Strecken auf einem großartigen Weg, und erzeugt so nicht nur einzelne müde Schmunzler, sondern mehrere fortwährende, herrlich komische Passagen, deren Verbindung zu einer Gesamtheit nur ein wenig aus fehlender Konsequenz, vielleicht auch aus zu großem Respekt vor dem Drehbuch, fehlschlägt. 2010-06-01 10:02
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