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Die Eroberung der inneren Freiheit

D 2009. R,B: Silvia Kaiser, Aleksandra Kumorek. K: Susanne Fuchs, Marcel Reategui. S: Bettina Blickwede, Christoph Valentien. M: Michael Jakumeit, Klaus-D Brennecke, Marian Lux. P: gegenlicht film + tv produktion.
83 Min. RealFiction ab 27.5.10

»Nur ein reflektiertes Leben ist es wert gelebt zu werden.«

Von Sarah Sander Sokrates, zum Tod verurteilt wegen verderblichem Einfluß auf die Jugend und wegen Mißachtung der Götter, wird dieses den Film abschließende Zitat zugeschrieben – auch wenn er es selbst wohl kaum niedergeschrieben hat. Alles ihm zugeschriebene wurde posthum von seinen Schülern notiert, angefangen von Platon und Xenophon. Das bedeutet, daß Sokrates und seine philosophische Methode, der Sokratische Dialog, in der Dar- und Auslegung seiner Schüler und Nachfahren immer etwas anders, immer neu und immer nachträglich entsteht. Und doch wird Sokrates als »Hebamme« der philosophischen Ethik oder »Vater« der abendländischen Philosophie gesehen. Er entwickelte die philosophische Methode eines strukturierten Dialogs, die er Mäeutik nannte (Hebammenkunst), eine Art geistige Geburtshilfe. Ziel des Sokratischen Dialogs in der von Platon überlieferten Form ist die gemeinsame Einsicht in einen Sachverhalt auf der Basis von Frage und Antwort. Durch Fragen also – und nicht durch Belehren des Gesprächspartners – sollte Einsichtsfähigkeit geweckt werden.

Als die Leiter der JVA Berlin-Tegel 1999 das Angebot für eine Sokratische Gesprächsgruppe in ihrer Haftanstalt erhielten, waren sie die einzige Justizvollzugsanstalt, die sich auf das Experiment einließ. Doch schon im Jahr darauf, als die ersten Gespräche mit Gefangenen in der Teilanstalt V stattgefunden hatten, die Erfahrungen ausgewertet waren und aufgrund der großen Nachfrage weitere Gesprächsgruppen in anderen Teilanstalten eingerichtet wurden, zeichnete sich am großen Interesse der Gefangenen der Erfolg der Initiative ab. Seit zehn Jahren finden nun Sokratische Gespräche in der JVA Tegel statt. Schwerverbrecher im philosophischen Dialog – ein immer noch einmaliges Experiment.

Die Filmemacherinnen Aleksandra Kumorek und Silvia Kaiser haben ein Jahr lang die Gespräche in der JVA Tegel aufgezeichnet und Interviews und Einzelgespräche mit den Inhaftierten und Gesprächsteilnehmern geführt; sie dokumentieren wie die Gefangenen sich und ihre eigenen Wertesysteme im philosophischen Dialog hinterfragen. Die Kamera zeigt die Gesprächsteilnehmer ruhig an einem Tisch, wie sie reden, wie sie sich zuhören, wie sie gekleidet sind. Sie portraitiert die Langzeitinhaftierten in ihren Zellen, im Kraftraum oder an ihrem Arbeitsplatz in der Haftanstalt. Immer wieder reflektieren die Gefangenen, was die Haft, die Sokratischen Gespräche, ihre Tat oder das Leben draußen für sie bedeuten. Immer wieder zeigen Aleksandra Kumorek und Silvia Kaiser sie bei ihren täglichen Verrichtungen. Bettina Blickwede (die regelmäßig auch für Ulrike Ottinger, Thomas Arslan, Haroun Farocki und Aysun Badenmsoy arbeitet) hat einen ruhigen und eindrücklichen Dokumentarfilm daraus montiert.

»Nicht jeder bekommt doch vernünftige Werte über die Familie vermittelt. Manche müssen sich die erst im Laufe des Lebens aneignen, vielleicht auch während der langen Haft.« Kai, der seine zehnjährige Haftstrafe beim Start des Films gerade abgesessen hat, glaubt nicht, daß Gaston, der wegen Auftragsmord lebenslänglich sitzt, damals seine Werte und seine Moral, nur wegen dem gebotenen Geld und den vordergründig guten Gründen beiseite geschoben hat (der Umzubringende soll ein Verräter gewesen sein). »Du sollst nicht töten« wären auch für Kinder wie ihn, Kinder aus dem Heim, nur leere Kirchenworte gewesen – verglichen mit der klaren Vorstellung davon, daß Verrat das Letzte ist und Anschwärzer an die Wand gestellt gehören, aufgeknüpft. Gaston, der für den Auftragsmord lebenslänglich bekommen hat, hört sich diese Überlegungen seines Mitgefangenen aufmerksam an und philosophiert selbst weiter über Ehre und Moral.

Die Leiter der Sokratischen Gespräche der Haftanstalt Berlin-Tegel sagen, oft wären die »einfachen Männer, die keinen Hauptschulabschluß haben« die tragenden Stützen der Sokratischen Gespräche an der JVA. »Sie bringen prägnante Erfahrungen ein, reden nicht um die Sache herum, bemühen sich, die Gedanken der anderen genau aufzufassen.« Eine »schnörkellose Konkretheit des Denkens«, nennen Horst Gronke und Jens Peter Brune das. Ein schöner Ausdruck.

Die Asynchronizität von Bild und Ton, die ruhigen Portraitaufnahmen von den Inhaftierten und ihren Umgebungen im Knast, über die sich die Interviews wie ein loses Band legen, lösen den Täter leicht von seiner Tat, identifizieren den heutigen Menschen nicht zwingend mit dem Verbrechensbild, von dem er Auskunft gibt. Dadurch bekommt der Film selbst etwas von einer Reflexion – einem Nachdenken über Haftzeiten und Strafvollzug, über gesellschaftliche Maßstäbe und Moral und über den Wert von Wertvorstellungen. 2010-05-27 10:48

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