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The Crazies

USA 2010. R: Breck Eisner. B: Scott Kosar, George A. Romero. K: Maxime Alexandre. S: Billy Fox. M: Mark Isham. P: Penn Station, Road Rebel. D: Timothy Olyphant, Radha Mitchell, Joe Anderson, Danielle Panabaker, Christie Lynn Smith, Brett Rickaby, Preston Bailey jr., John Aylward u.a.
102 Min. Kinowelt ab 27.5.10

Die Hamburger-Krankheit

Von Werner Busch Kent State University, 4. Mai 1970. Nationalgardisten in Militäruniform, Dutzende, auf einem Grashügel, in ihren Händen halbautomatische Gewehre mit aufgepflanztem Bajonett, Helme, schwere Gasmasken auf den Gesichtern und die Uniformität der Kleidung. Ihnen gegenüber ein wütender Rest der protestierenden Studenten, die sich von der unheimlichen, anonymen Staatsmacht nicht abschrecken lassen wollen, Tränengasgranaten werden zurückgeschleudert, Steine fliegen. Plötzlich Schüsse, innerhalb weniger Sekunden werden 67 Kugeln auf die Protestierenden abgefeuert. Vier Menschen sterben, neun werden schwer verwundet, über einhundert Menschen werden bei der Konfrontation auf dem Universitätsgelände verletzt. Fotos der Erschossenen schmücken Magazine wie »Life«, ein großes Medienecho disputiert über das Massaker. Die vielen Fotos dieses sonnigen Nachmittags waren sicherlich eine Inspiration für die von George A. Romero geschaffene Ikone des entmenschlichten Soldaten, der, verborgen hinter Uniform und Gasmaske, auf unbewaffnete Menschen schießt. Sie schmückte sämtliche Plakate und Aushangfotos und ist auch im Film allgegenwärtig. The Crazies aus dem Jahr 1973 ist feinstes, politisch motiviertes Genrekino, noch deutlich mehr als Night oder Dawn of the Living Dead. Allein das deutlich sichtbare, schmale Budget des Films, das einige entscheidende Momente mit wechselnd starker unfreiwilliger Komik versieht, verwehrte diesem überaus interessanten Film die höheren Weihen, die er sicher verdient hätte.

Zack Snyders Remake von Romeros Dawn of the Dead ist dem Original in vielen Belangen überlegen. Natürlich, der urige Charme geht einer Neuauflage immer Abhanden, aber entschädigt werden kann man dafür mit sehr vielen, sehr unterhaltsamen und sehr klugen neuen Einfällen. Snyders Film ist eines der besten Remakes der Filmgeschichte. Ein guter Film mit interessanter Ausgangsidee, der an seinen zeit- und produktionsbedingten Mängeln allein leidet, ist immer gutes Ausgangsmaterial für ein Remake. So auch im Fall von The Crazies: Ein Flugzeug mit einem geheimen militärischen Kampfstoff – Codename Trixie – ist in der Nähe einer amerikanischen Kleinstadt abgestürzt. Wer durch das Wasser die Chemikalie aufnimmt, entwickelt sehr bald unkontrollierbare Aggressionen, die er spontan an seiner Umwelt ausläßt. Unbescholtene Familienväter erschlagen plötzlich ihre Familie und stecken ihr Haus an. Der Sheriff der Kleinstadt riecht bald den Braten, das Militär fällt ein und will alles vertuschen, unser Protagonist entkommt mit einer kleinen Gruppe und hat nun nicht nur das Militär, sondern auch eine Welt voller Verrückter gegen sich.

Obwohl der neue Film von Breck Eisner mit gerade einmal 12 Millionen Dollar Budget ein Portokassen-Venture für Hollywood-Verhältnisse ist, spürt man diese finanzielle Restriktion nicht. Technisch ist The Crazies sehr auf der Höhe seiner Zeit. Die Kamera von Maxime Alexandre (Haut Tension, Mirrors) setzt gekonnt auf Farbdramaturgie und suspensefördernde Kadrierungen, das Drehbuch gibt der Zeichnung der vier Hauptfiguren viel Raum und Eisners Inszenierung schafft einige spannende Momente, die über die volle Filmlänge gut unterhalten, erfreulicherweise wird auch auf blutige Härten nicht verzichtet. The Crazies ist grundsolides, unterhaltsames Genrekino.

Doch die Männer hinter der Maske hatten im Original ein ganz anderes Gewicht, die Vertreter der Staatsmacht waren die heimlichen Hauptfiguren. Schon in der ersten Szene zeigte Romero die Strategen am grünen Tisch, zeigte sorgenvolle Gesichter, die Maßnahmen beschließen, über deren Ausgang sie nur spekulieren können, die aber in jedem Fall Tote und Verletzte mit einschlossen. Auch die Soldaten, die sich hinter den Schutzanzügen versteckten, waren Filmfiguren mit nachvollziehbaren Motivationen, keine anonyme, böse Übermacht. Erst so entfaltete sich für den Zuschauer die volle Tragödie der Ereignisse. Diese Ebene fehlt dem Remake nahezu völlig. Es gibt unter der Staatsmacht keine Figuren, die Männer am Schreibtisch sind einer gottperspektivischen Satellitenaufnahme mit eingeblendeten, knappen Sätzen gewichen. Auch fehlt das Vater-Tochter-Paar, das unter dem Einfluß des Kampfstoffes inzestuöse Gefühle füreinander entwickelt. Trixie war in Romeros The Crazies deutlich sinnbildhafter. Es war im mehrfachen Wortsinn ein Erklärungsstoff für die Unbegreiflichkeit grausamer Geschehnisse. Für den lieben, ruhigen Familienvater, der eines Nachts die Axt gegen die Stirn seiner Kinder schwingt, für Selbstmorde oder eben auch sexuelle Übergriffe. Das Militär stand mit der Bevölkerung einer großen unsichtbaren Macht des Irrsinns gegenüber. Deshalb ist das Remake lediglich Genrekino, wo das Original, nicht nur durch seinen akuten Zeitbezug, sehr viel mehr war. Obwohl das Ende des Films glücklicherweise gleich bleibt, leidet die Neuauflage letztlich doch an einer Krankheit, die wir aus einem Peter Fleischmann-Film kennen. Den unterhaltungssuchenden Kinozuschauer soll dies nicht stören. Und Freunde von Romero sind ohnehin Kummer gewöhnt. 2010-05-27 10:56

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