— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Sex and the City 2

USA 2010. R,B: Michael Patrick King. K: John Thomas. S: Michael Berenbaum. M: Aaron Zigman. P: Warner Bros. Pictures. D: Sarah Jessica Parker, Kim Cattrall, Kristin Davis, Cynthia Nixon, Chris Noth, David Eigenberg, Evan Handler, Alexandra Fong u.a.
146 Min. Warner ab 27.5.10

Wunderland ist nur zu Hause

Von Alexander Scholz Daß der Serie Sex and the City emanzipatorisches Potenzial unterstellt wurde, ist auf sehr viele Arten befremdlich, ihr außergewöhnlicher Erfolg hingegen ist es eher weniger. Viele Menschen haben sich von Carrie und ihren Freundinnen gut unterhalten gefühlt. Man muß diesen Umstand gewiß nicht goutieren, besonders originell ist die Schelte, die solch seichter Unterhaltung gelegentlich widerfährt, allerdings auch nicht. Hinzu kommt, daß die Serie nie wirklich den Anspruch darauf hat erkennen lassen, die ihr zugeschriebenen Qualitäten als Exponent eines irgendwie neuen Frauenbildes tatsächlich einzulösen. Der kulturkritisch erhobene Zeigefinger in Richtung der Macher von Sex and the City ist also eigentlich die ernsthafte Auseinandersetzung mit Argumenten, die diese niemals vorgebracht haben – nicht besonders produktiv. Wenn der Zeigefinger schon sein muß, dann bitte gegenüber denen, die es fertigbringen, zwischen Einkaufstüten, Make-up Tipps und der Suche nach dem Kerl mit dem Größten (was, läßt das Pseudonym ganz kokett offen) tatsächlich emanzipatorische Implikationen zu entdecken.

Von dem Sequel des Kinofilms zur Serie sollte man in diesen Fragen Konstanz erwarten. Diese ist auch in den meisten Eigenschaften des Films gegeben: Klischees bis zum Abwinken, Kinder und schwule Freunde als schicke Accessoires, Klamauk und Hormone überall – diesmal sogar in Form von Beautycremes, die der Zeitlosigkeit der Serie im Gesicht der Protagonistinnen auf die Sprünge helfen. Die Inszenierung folgt ebenfalls der bewährten Chronologie: Close-up auf Schuh, der aus Luxuskarosse stöckelt, establishing shot über Szenerie, die mit dem soeben vorgestellten Schuhwerk beschritten wird, american shot auf den zu erobernden Cowboy. Je nachdem wie diese Begegnung dann verläuft, gibt es noch ein paar close-ups. So weit, so gewöhnlich. Noch schnell einen Lewis Carroll Band auf Carries Wohnzimmertisch gelegt, damit sich auch der etwas aufmerksamere Zuschauer freut, und man könnte Sex and the City 2 zu den Akten legen oder vielleicht sogar ins Regal für »Freche Frauen« stellen. Leider tut einem Regisseur Michael Patrick King diesen Gefallen nicht.

King ist das Gerede vom Feminismus in Bezug auf die Serie gehörig zu Kopf gestiegen. Obendrein sieht er in dem Stoff offenbar einen Vorrat an zeitdiagnostischen Bezügen, den es nun abzuschöpfen gilt. Die Rolle der Frau wird dabei in erschreckender Weise reflektiert. Andere Bezüge zum aktuellen Weltgeschehen sind wohl eher unbeabsichtigt. Als Carrie beispielsweise feststellt, daß sie einen Rückzugsraum vom gemeinsamen Wohnen mit ihrem Mann benötigt, flüchtet sie kurzerhand in ihre alte Bleibe. Nicht ohne im obligatorischen voice-over zu bemerken, es sei ja ein Glück, daß die Immobilienpreise im Moment so im Keller wären, sonst hätte sie ihre Wohnung noch verkauft. Big, der in seinem Büro die aktuellen Aktienkurse verfolgt, sieht das sicher ähnlich.

Während diese Anspielungen noch mit einer gewissen Naivität daherkommen, ist bei den dezidiert fremdenfeindlichen und islamophoben Aussagen des Films Schluß mit der Unschuldigkeit. Die vier Freundinnen reisen auf eine Einladung eines Scheichs nach Abu Dhabi. Was sie erwarten ist ein Märchenland und den »New Middle East«, vor dem man keine Angst haben muß. Sicherheitshalber nennt Charlotte beim Einchecken aber doch lieber ihren Mädchennamen – man weiß ja, daß die Araber auf jüdische Familiennamen allergisch reagieren. Eigentlich ist auch alles so, wie sich die vier ihren Urlaub vorgestellt haben: Luxus, Karaoke und eine Polo-Mannschaft mit eingelaufenen Badehosen. Etwas stört allerdings: dieser doofe Look der einheimischen Damen. Echt unsexy und voll von vorgestern. Die völlige Verschleierung der muslimischen Frauen in Abu Dhabi wird in Sex and the City 2 ex negativo zum Loblied auf die ach so freie amerikanische Frau. Die Unterdrückung der Muslima, die solche Kleidung möglicherweise zeigt, wird gar nicht erst explizit angesprochen. Unreflektiert wird sich über die verschleierten Frauen amüsiert und das Mißfallen darüber geäußert, daß Samantha in Abu Dhabi nicht ihren gewohnt ausgefallenen Kleidungs- und Flirtstil pflegen kann. Wie unpraktisch doch so eine Burka beim Fritten verputzen ist, wie schnell man da jemanden verwechselt und diese Badekleidung erst – einfach zum totlachen. Und als ob das Bild einer voll verschleierten Frau, die in einem Luxushotel Pommes Frites unter ihrem Schleier in den Mund balanciert nicht abwegig genug wäre, ist die Verortung dieses Schauspiels in Abu Dhabi der Gipfel der Absurdität. Wir haben verstanden: Es gibt keinen »New Middle East«. Afghanistan ist überall – selbst am Fuße der höchsten Wolkenkratzer nach amerikanischer Bauart.

Den Schlußakkord dieser Kakophonie der rückständigen Ressentiments bildet natürlich der Ausblick auf die Befreiung der muslimischen Frau von ihrer patriachal religiösen Pein. Nachdem Samantha auf der Straße durch das laute Propagieren von Kondomen (wir erinnern uns: Kondome, das große Problem des Islam) aufgefallen ist, entführen ein paar verschleierte Damen die vier Freundinnen in einen Hinterhalt, um sie vor dem aufgebrachten Mob zu schützen. Dort legen sie die Burkas ab und unter diesen kommt die neueste Kollektion frisch von der Fashion Week zum Vorschein. Zum Glück können unsere vier Lieblinge jetzt, nachdem sie die muslimischen Frauen befreit haben, in deren Verschleierung flüchten, treffend untermalt durch Agentenfilmmusik – man ist jetzt ja schließlich inkognito. 2010-05-26 14:17

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap