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Leningrad – Der Mann, der singt

D 2008. R,B,K,S: Peter Rippl. K: Roland Bertram, Sergej Jermolenko, Ingvar Arnswald, Robert Metsch. M: Sergej Shnurov. P: Peter Rippl Filmproduktion.
82 Min. RealFiction ab 20.5.10

Made in Schopa (»Hergestellt im Arsch«)

Von Mary Keiser Achtung! Dieser Film könnte Ihre Vorurteile gegenüber dem russischen Volk ins Wanken bringen oder noch schlimmer: Er könnte Sie erst darauf bringen, daß Sie welche haben. Solange man den voluminösen, vernarbten Glatzkopf Stas Baretzki vor der Linse hat, fühlt man sich bestätigt. Ja, so hat ein richtiger Russe auszusehen. Stas spielt zwar kein Instrument, dient bei der Skacore-Band Leningrad aber als Blickfang, indem er einfach zwischen den Musikern herumsitzt. Wenn auf der Bühne fast so viele Leute stehen wie vor der Bühne, kommt es auf einen mehr oder weniger sowieso nicht an. Die Band selbst schätzt die Zahl ihrer Mitglieder auf mehr als zehn, aber weniger als hundert.

Trotzdem fragt man sich zunächst, warum überhaupt so ein Gewese um diese zwar feiertaugliche, aber trotzdem nicht allzu außergewöhnliche Gruppe gemacht wird. Noch mehr Fragen wirft der Umstand auf, daß die Interviewten ständig den Gebrauch von schlimmen Wörtern wie »Schwanz«, »ficken«, »Saufen« oder »Arsch« in den Liedtexten hervorheben. Wo man doch Russen in dieser Hinsicht spontan tiefere Abgründe zutrauen würde als z.B. den dem Gentleman-Ideal folgenden Briten, die, wie eine britische Studie zeigte, folgenschwererweise sogar zu höflich waren, um sich auf der Titanic beim Ansturm auf die Rettungsboote vorzudrängeln. Doch auch wenn Ken Loachs Sweet Sixteen wegen der über zweihundertmaligen Verwendung der Wörter »fuck« und »cunt« erst eine Altersfreigabe ab 18 bekam, womit das British Board of Film Classification wohl eher ein Exempel statuieren wollte, ist die Gossensprache aus der britischen Popkultur nicht wegzudenken. Auch hierzulande reichen oft schon die Namen bekannter Deutsch-Punk Bands wie »Eisenpimmel« oder »Schließmuskel«, um sich ein Bild von ihren Texten zu machen – schockieren lassen sich davon aber die Wenigsten.

Was ist also in Rußland so besonders daran? Tatsächlich wurde Leningrad zum Teil gerade wegen dieser Sprache berühmt. Die russische Vulgärsprache »Mat« ist in einem ganz anderen Maße tabuisiert als man es gewohnt ist. Im Kommunismus war ihr Gebrauch streng verboten. Genau deshalb bringt der berühmt-berüchtigte Sergej Shnurov seine Botschaften per Mat unters Volk, nannte sogar die erste Platte genau so. Der PR-Chef eines Radiosenders und Sänger von Leningrad wurde damit so erfolgreich, daß er seinen Job aufgeben konnte. Zu diesem Thema ein Zitat von einem seiner Mitmusiker, daß man in Europa so bestimmt nicht zu hören bekommt: »Ich arbeite noch als Chemiker. Für's Geld bin ich professioneller Musiker, weil ich fast nicht bezahlt werde an meinem Institut.« Arbeit als Zuverdienst neben der Profimusiker-Karriere wäre hier nur schwer vorstellbar.

Ansonsten erinnert die Provokation der Texte und das Lebensgefühl – wie auch schon im Dokumentarfilm Beijing Bubbles - Punk and Rock in China's Capital empfunden – ein wenig an die deutsche Szene Anfang der Achtziger. Das Besondere an Leningrad ist nicht die Musik, obschon professionell, sondern der Ausdruck der Generation, die mit dem Übergang von Kommunismus zu Kapitalismus klarkommen mußte. Die Texte sind unflätig, aber intelligent, meistens ironisch, also kein falsches Working-Class-Posing. Strophe: »Gestern war ich Rocker. Gestern war ich Raver. Ich brauch Klamotten, Mama, und ein Skateboard kauf mir auch.« Refrain: »Wir machen jetzt Hip Hop, wir machen jetzt Hip Hop…«

Der deutsche Filmemacher Peter Rippl montiert die Ausschnitte so zu einer Geschichte, daß man seinen eigenen Erkenntnisprozeß nachvollziehen kann und am Ende weiß, daß man nichts (über die russische Kultur) weiß. Die Schnitte sind schnell, aber nie überfordernd, nur so, daß es nicht langweilig wird. Lediglich der in einigen Szenen übertriebene Zoom-Einsatz der Kamera gibt einem das Gefühl, selbst zuviel Wodka intus zu haben, aber das kann man ja auch positiv sehen. 2010-05-19 16:24
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