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Robin Hood

USA 2010. R: Ridley Scott. B: Brian Helgeland. K: John Mathieson. S: Pietro Scalia. M: Marc Streitenfeld. P: Imagine Entertainment, Scott Free, Universal. D: Russell Crowe, Cate Blanchett, Max von Sydow, William Hurt, Mark Strong, Oscar Isaac, Kevin Durand, Danny Huston, Eileen Atkins u.a.
131 Min. Universal ab 13.5.10

Männer ohne Strumpfhosen

Von Oliver Baumgarten Die Geschichte um Robin Hood gehört zu den wohl bekanntesten europäischen Mythen mittelalterlichen Ursprungs. Ereignisse um seine Figur werden sich seit dem 13. Jahrhundert bis heute in unzähligen Balladen und Schriften immer wieder erzählt. Bestimmte Details und der Verlauf des Erzählten haben sich dabei allerdings stets aufs Neue radikal an aktuelle Zeiten und Bedürfnisse angepaßt. Vom anfänglich ordinären und hundsgemeinen Strauchdieb durchlief die Figur innerhalb von 500 Jahren einen kapitalen sozialromantischen Imagewandel hin zum Retter der Geknechteten. Nach unzähligen filmischen Interpretationen mit Douglas Fairbanks, Errol Flynn, Lex Barker, Giuliano Gemma oder Sean Connery wurde Robin Hood noch 1991 in Kevin Reynolds' Verfilmung Robin Hood: König der Diebe durch die Freundschaft zum von Morgan Freeman gespielten muslimischen Mitkämpfer Azeem kurzerhand in eine moderne Integrationsfigur umgedeutet.

19 Jahre und zwei Finanzkrisen später nun warten Regisseur Ridley Scott und Autor Brian Helgeland mit der nächsten Verfilmung auf. Interpretation diesmal: Der aufrechte Rebell Robin Hood wendet sich gegen die staatlich geduldete Heuschreckenmentalität einiger Raubritter-Kapitalisten und verhilft dem einfachen Volk zu seinem Recht. Gerade originell ist dieser Ansatz nicht, und so versucht er auch, sich weitestgehend hinter einem anderen Einfall zu verstecken – nämlich hinter jenem, nicht die Legende von Robin Hood selbst zu erzählen, sondern früher anzusetzen und zu zeigen, wie er zu dem geworden ist, was wir als Legende vermeintlich kennen.

Es ist genau dieses Konzept, das dem Film seine ohnehin schon wackligen Zähne zieht. Wie soll man die Vorgeschichte eines Mythos erzählen, der weder historisch noch literarisch verbürgt ist, sich also unablässig im Wandel befindet? Star Trek zum Beispiel machte ein sinnvolles Prequel her, weil sich ein gigantischer Berg an logisch aufeinander aufbauenden Filmen und Serienfolgen über ihn türmte. Bei Robin Hood hingegen sieht das ganz anders aus, da müsste man erst einmal festlegen, auf welche Interpretation sich die Vorgeschichte überhaupt beziehen soll. Das hat in Ridley Scotts Verfilmung offensichtlich niemanden wirklich interessiert, so daß der Film nicht nur ziellos erscheint, sondern vor allem: erschütternd langweilig. Nicht mal Russell Crowe weiß nur irgendetwas mit der Figur anzufangen und spielt seinen Robin Hood so klein, als habe ihm vorher niemand erzählt, daß es sich um die Hauptrolle handelt. Cate Blanchett als Marian wiederum kann angesichts eines Drehbuchbombardements mit plumpen Frauenklischees ihre schlechte Laune nur mit Mühe hinter ihrem fazialen Etikett der »starken Frau« verbergen. Der Plot selbst schließlich, der eine Vorgeschichte von Robin Hood ins Nichts konstruiert, ist von solcher Gewöhnlichkeit, daß man sich vor Verzweiflung wenigstens Errol Flynns grüne Strumpfhosen an die Männerbeine zurückwünscht.

Die Inszenierung tut dann ihr Übriges. Positiv ausgedrückt: Ridley Scott, DoP John Mathieson und Editor Pietro Scalia sind ihrem visuellen Stil treu geblieben. Bös gesagt: Wie seit Gladiator vom Scott-Team gewohnt erkennt man in den enorm schnell geschnittenen und leicht unterdreht aufgenommenen Actionsequenzen so gut wie nichts. Das Ganze gipfelt dann in einer Invasionsszene, in der die Engländer sich gegen am Strand anlandende Franzosen zur Wehr setzen. Unweigerlich werden Erinnerungen an Der Soldat James Ryan wach, in dessen Beginn Steven Spielberg brutale und unerbittliche Bilder für die Landung der Alliierten in der Normandie gefunden hatte. Was Spielberg sofort emotional präzise aufzuladen verstand, verfehlt bei Ridley Scotts filmischer Auflösung und dem verquatschten Drehbuch jegliche Wirkung. Klar, ganz anderer Film, ganz anderes Thema. Aber eben auch: ganz andere Leidenschaft, ganz anderes Temperament. 2010-05-14 13:28

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