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Schock Labyrinth 3D

Senritsu meikyû 3D. J 2009. R: Takashi Shimizu. B: Daisuke Hosaka. K: Tsukasa Tanabe. S: Zensuke Hori. M: Mitsuharu Haibara. P: Asmik Ace Entertainment, Ogura Jimusyo Co.. D: Yûya Yagira, Misako Renbutsu, Ryo Katsuji, Ai Maeda, Erina Mizuno, Suzuki Matsuo, Shôichirô Masumoto.
92 Min. Senator ab 13.5.10

Stereo in Fleisch und Blut

Von Matthias Wannhoff Es war ein heftiger, aber dann doch sehr kurzer Spuk, der Anfang des neuen Jahrtausends auf der Japan-Horror-Welle seinen Weg auch in die westlichen Kinosäle fand. Das etwas untergegangene Remake von Hideo Nakatas Dark Water aus dem Jahr 2005 setzte einer vor allem amerikanischen Erfolgsgeschichte ihr vorläufiges Ende, das möglicherweise mit einem Phänomen kultureller Unübersetzbarkeit zu tun hatte. Denn im Grunde erzählen die phantastischen Vertreter des japanischen Terrorkinos immer wieder die gleiche Geschichte von einer Vergangenheit, die in Geistergestalt gegen das Vergessen antritt und dabei auf eine Jahrhunderte zurückreichende japanische Erzähltradition zurückgeht. Vielleicht erklärt dies auch, warum Gore Verbinskis Adaption von The Ring der erfolgreichste Vertreter dieser Horror-Spielart am westlichen Box Office war: Mit der mystischen Figur der Yurei kann der hiesige Zuschauer wenig anfangen, mit spukenden Videokassetten und bösen Fernsehschirmen dafür umso mehr.

Daher überrascht es kaum, daß Schock Labyrinth 3D nicht in der Special-Interest-Ecke hiesiger Videotheken verkümmern muß, sondern in den Genuß einer großzügigen Kinoauswertung kommt: Die Logik des Dreidimensionalen ist eben global gültig. Um naheliegenden Befürchtungen zuvorzukommen: Takashi Shimizu, der mit den US-Remakes seiner eigenen Filme Ju-on und Ju-on 2 damals ein großes Stück vom Import-Kuchen abbekam, zielt nicht auf schnelle, visuelle Schocks ab – von auf ihn losgelassenen Äxten oder Bajonetten bleibt der Zuschauer deshalb verschont. Und doch wäre es falsch zu behaupten, Shimizus Film ginge es nicht um den Effekt; gerade umgekehrt nutzt er die Möglichkeiten filmischer Stereoskopie, um den ganz großen Immersions-Hammer herauszuholen. Man stelle sich ein Werk von Dalí vor, wie es in die klaustrophobischen Welten von Stanley Kubricks Shining gegossen wird, nachdem es zuvor dreimal die Treppe von M. C. Escher hinuntergeschubst wurde: So ungefähr sieht es aus, Shimizus dreidimensionales Schreckenskabinett.

Die Geschichte ist erwartungsgemäß sekundär und kombiniert das Gespenstermotiv ihrerseits mit einer Erzählung um Schuld, Sühne und Verdrängung: Auf einem Familienausflug brechen fünf Kinder in ein geschlossenes Geisterkabinett ein, doch nur vier von ihnen finden lebendig wieder hinaus. Zehn Jahre später, die Freunde von damals sind inzwischen Teenager, steht auf einmal das totgeglaubte Mädchen vor ihnen. Die Clique bringt die verstörte junge Frau in ein Krankenhaus, welches sich bei der Ankunft jedoch als leergefegt herausstellt – und als die einstige Schreckenskammer, an dem das Mädchen vor einer Dekade unter mysteriösen Umständen verschwand.

Jener Ort wird von Shimizu mit solch gestalterischem Wahnwitz bebildert, daß der Suspense konsequent vom visuellen Exzess geschluckt wird. Damit erinnert Schock Labyrinth 3D ein wenig an Christophe Gans' grandiose Game-Verfilmung Silent Hill, die ihre Spannung im Mittelteil ebenfalls der genüßlichen Erkundung bizarr-surrealer Horrorwelten opferte – und gewann. Shimizus Film geht noch weiter und türmt sich gleich um das schwindelerregende Motiv einer überdimensionierten Wendeltreppe auf, das vom sonstigen Setting völlig losgelöst und lediglich der Faszination am Bild verpflichtet ist. Fortan überlagern sich permanent Vergangenheit und Gegenwart, Dies- und Jenseits, Oben und Unten, während ein Plüschhase traumwandlerisch durch die finsteren Gänge schwebt. Wenn gegen Ende die Szenerie schließlich für einen Moment schockgefroren und vom A cappella jenseitiger Harmoniestimmen heimgesucht wird, die in jeder Schwingung ihre digitale Genese verraten, steht fest: Diesem Film dient Technologie nicht als Motor, sondern als Ermöglichung. Weshalb ein zweidimensionales Schock-Labyrinth auch kaum vorstellbar ist. Dies mag manch einer als Beweis für eine schwachbrüstige Story ansehen. Vielleicht weist es aber auch den Weg in eine Zukunft, in der auf Stoffe nicht bloß 3D-Effekte gestülpt, sondern Filme gemacht werden, denen das Stereo-Sehen längst in Fleisch, Blut und auch Erzählung übergegangen ist. 2010-05-11 17:04
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