— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Darfur

USA 2009. R,B: Uwe Boll. B: Chris Roland. K: Mathias Neumann. S: Thomas Sabinsky. M: Jessica de Rooij. P: Event Film Distribution, ZenHQ, Brightlight Pictures. D: Billy Zane, Edward Furlong, Kristanna Løken, David O'Hara, Matt Frewer, Hakeem Kae-Kazim, Noah Danby, Sammy Sheik, Az Abrahams u.a.
98 Min. Splendid ab 29.4.10

Arabs against Africa

Von Stefan Höltgen Dieser Tage starten gleich zwei neue Filme von Uwe Boll, der in der Vergangenheit besonders durch seine Videospiel-Adaptionen auf- und bei den Zuschauern in Ungnade gefallen ist: Rampage und Darfur – zwei Filme, die, wie es auf den ersten Blick scheint, unterschiedlicher kaum sein könnten. Ersterer ein dumpf-rechtes Schießspektakel in der üblichen Boll'schen Handschrift; zweiterer ein semidokumentarischer Spielfilm über den Konflikt im Westen von Sudan.

Uwe Boll betreut die Pressevorführungen seiner Filme seit Postal lieber selbst, um sicher zu gehen, daß seine Message dort ankommt, wo er sie unter Marketing-Gesichtspunkten gern sähe: in der verlautbarten öffentlichen Meinung der Filmkritiker. Schon 2007 hatte er deshalb keine »normalen« Vorabscreenings veranstaltet, sondern begleitete Pressereisen durch Deutschland. Und auch bei seinen neuesten beiden Filmen ist Boll wieder zugegen, während diese in ausgewählten UCI-Kinos vorgeführt werden. Während der für seine ästhetische und rhetorische Polterigkeit bekannte Wermelskirchener Regisseur in Rampage jenen Film ins Kino bringt, den er nach eigener Aussage »selbst dort schon immer gern einmal sehen« würde, von der FSK zumindest hierzulande aber daran teilweise gehindert wird, überrascht er mit Darfur, dem zweiten Film, die anwesenden Gäste und entlockt ihnen sogar einen Schlussapplaus – trotz seiner üblichen Ausfälle gegen das korrupte Filmsystem usw.

Darfur erzählt eine eigentlich ganz kleine Geschichte: Ein Team von US-amerikanischen Reportern reist in die durch blutige Konflikte geschüttelte Region Darfur, um aus einem Dorf zu berichten, in welchem Menschen leben, die teilweise den von der Regierung beauftragten Reitermilizen entkommen sind. Traumatisierte Männer, vergewaltigte Frauen, Menschen, die ihre Verwandten verloren und deren Kinder entführt wurden. Das Team aus Kameramann, Fotograph, Tonmann und anderen Journalisten wird »beschützt« von zwei Soldaten der AU, die übervorsichtig sind, weil sie ahnen, daß die Dschandschawid ganz in der Nähe sein könnten. Und als sie das Dorf verlassen, sehen sie die bewaffneten Milizen auch tatsächlich am Horizont auftauchen und auf das Dorf zufahren bzw. -reiten.

Nach kurzer Diskussion wendet das Filmteam und fährt zurück, um durch die Anwesenheit von Auslandsvertretern vielleicht die Chance zu haben, die Einwohner vor den Milizen zu schützen. Als diese das Dorf erreichen sind sie allerdings wenig beeindruckt und zwingen die Reporter mit Waffengewalt abzufahren. Dann bricht das von allen befürchtete Massaker los. Nach ein paar Kilometern Fahrt hält es einer der Reporter nicht mehr aus und fährt mit einem Kollegen und einem der AU-Soldaten zurück, um den Dorfbewohnern zu helfen. Drei Männer mit zwei Pistolen und einem Maschinengewehr gegen etwa 30 mitleid- und skrupellose Araber, die sich vorgenommen haben »Afrika von den sprechenden schwarzen Affen« zu säubern.

Darfur ist – wie Rampage - weitgehend mit der Handkamera gefilmt. Die extrem wackeligen Bilder, die Boll zufolge schon zu »motion sickness« insbesondere in den vorderen Kinoreihen geführt haben sollen, übertragen den Terror, der sich auf der Leinwand abspielt, spürbar auf den Zuschauerkörper. Anders als in Rampage hat die Handkamera hier jedoch auch noch eine zweite Funktion: Die sich in wilder Bewegung befindlichen Bilder lassen es kaum zu, Details zu erkennen. Wenn Frauen und Mädchen von den Milizionären vergewaltigt werden, ihnen die Beine abgehackt werden, wenn Babys auf Lanzen aufgespießt werden – dann erweist sich diese Optik als eine regelrechte Gnade von Kameramann und Regisseur gegenüber dem Zuschauer, der das alles nicht mit ansehen »kann«.

Den semidokumentarischen Stil des Films unterstützt die Verwendung dieser Kameratechnik noch zusätzlich, auch wenn nicht ganz klar ist, warum sich Boll ausgerechnet für dieses Erzählverfahren entschieden hat, das er sowieso durch andere Ästhetiken desavouiert – etwa durch einen oft allzu melodramatisch hochgepeitschten Soundtrack. Doch diese kleinen Ungereimtheiten schmälern den ersten Eindruck von Darfur kaum: Man hat es mit einem kraftvollen und bitterbösen Film zu tun. Und das, was Uwe Boll ansonsten regelmäßig und nicht ohne Grund zum Vorwurf gemacht wird, erweist sich hier erstmals als ein regelrechter Segen: Der Hang zum Splatter, zur übertriebenen Geste und zur manischen Inszenierung der eigenen politischen, ästhetischen oder sonstigen Sichtweise bekommt in Darfur auf einmal einen Sinn: Hier bezieht ein Künstler Stellung.

Boll hat für Darfur schon beinahe mit Mitteln des Jean-Rouc'schen Cinéma verité gearbeitet: Er hat sich Sudan-Flüchtlinge aus Südafrika geholt, ein Fur-Dorf nachgebaut, das bei den Beteiligten regelrechtes Heimweh verursacht haben soll, und die Leute ohne Drehbuch einfach das nachspielen lassen, was sie erlebt haben. Selbst die vergewaltigten Frauen haben sich im Film zum Schein noch einmal vergewaltigen lassen, um auf ihr erlittenes Leid hinzuweisen. Das Konzept für diesen – also auch in dieser Hinsicht – semidokumentarischen Film hat Boll sich zusammen mit dem TV-Produzenten und -Regisseur Chris Roland erdacht und sich von Dokumentarfilmen über den Konflikt inspirieren lassen. Bolls Darfur ist in den USA bislang hoch gelobt worden und sogar bei Amnesty International ist der Film als »bester Film über Afrika« bezeichnet worden, wie Boll stolz auf der Pressevorführung zitiert.

Und in der Tat könnte Darfur Bolls Image ein wenig sanieren – wenn er die Aggression, die ihm beim Filmemachen innewohnt, öfter auf solch konstruktive Weise kanalisieren würde – und wenn er das Thema nicht derartig reduktionistisch umgesetzt hätte: Boll läßt im Film eigentlich keine Gelegenheit aus, den Konflikt im West-Sudan als eine ethnische Säuberungsaktion darzustellen, bei der arrogante »Araber« (der Norden Sudans wird vor allem von diesen bewohnt) das Ziel verfolgen, mit Allahs Hilfe und in Allahs Auftrag das Land von der schwarzen Bevölkerung (vornehmlich im Süd-Sudan) zu »reinigen«. Daß hinter dem Konflikt historisch langjährige und vor allem politische und ökonomische Prozesse stecken, wird in Bolls Film zugunsten einer regelrechten Anti-Araber-Kampagne verschwiegen. Natürlich kann und soll man die ganze Komplexität eines solchen Prozesses nicht in einem Spielfilm darlegen – aber warum muß Boll ausgerechnet den spekulativsten Aspekt der Katastrophe herauspicken?

Nicht verschont wurde man auf der Pressevorführung leider auch vom üblichen Größenwahn Bolls: Solche Regisseure wie ihn gäbe es in ganz Europa nicht. Genrefilme aus Deutschland wären grundsätzlich Mist. Die Filmbranche hier würde sich gegenseitig protegieren und diejenigen Kritiker, die ihn bislang als den schlechtesten Regisseur aller Zeiten deklariert hätten, die würden in zehn Jahren angekrochen kommen und sich bei ihm entschuldigen. Boll redet sich nach Ablauf von Darfur regelrecht in Rage und einmal mehr fragt man sich, was wohl aus seinen Projekten würde, wenn der Marketingmensch Boll und der gekränkte, weil von der Filmförderung und den Festivals missachtete Künstler Boll doch bloß einmal schweigen und seine Filme für sich selbst sprechen lassen könnte? Darfur zumindest hätte dann wesentlich intensiver nachgewirkt, als wenn man ihn – wie jetzt – nur als ein weiteres Zeugnis der Egomanie seines Regisseurs lesen »müßte« - zumal im Doppelpack mit Rampage. Aber vielleicht meint Boll ja genau das: daß er in 10 Jahren gelernt haben wird zu schweigen und seine Filme für sich sprechen und seine Zuschauer für sich selbst denken zu lassen. Wenn sie so sein werden wie Darfur, könnte das ein Gewinn sein. 2010-04-29 17:25

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap