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Women without Men

Zanan-e bedoon-e mardan. D/A/F 2009. R,B: Shirin Neshat. K: Martin Gschlacht. S: Christoph Schertenleib. M: Ryûichi Saka- moto. P: Essential Filmproduktion, Societé Parisienne de Production. D: Orsolya Tóth, Fatemeh Motamed-Aria, Mitra Ghamsari, Pegah Ferydoni, Essa Zahir u.a.
95 Min. NFP ab 1.7.10

Gartenarbeit

Von Jochen Werner »Vom Schmerz ist man nur befreit, wenn man sich von der Welt befreit.« Das Spielfilmdebüt der iranischstämmigen Videokünstlerin Shirin Neshat folgt einer eskapistischen Bewegung in eine Fantasiewelt, von den vier denkbar unterschiedlichen Protagonistinnen von Women without Men zueigen gemacht. Dieser geheime Garten ist ihnen Rückzugsort vor der auf den Straßen Teherans tobenden Geschichte des Jahres 1953, als in einem von Amerikanern und Briten unterstützten Staatsstreich mit Mohammed Mossadegh das erste demokratisch gewählte Staatsoberhaupt des Iran gestürzt wurde.

Jede der vier Frauen ist dabei auch stets Opfer der patriarchalen Verhältnisse: Die politisch interessierte Munis wird von ihrem religiös-orthodoxen Bruder Amir zu einem Leben als unterwürfige Ehefrau gedrängt und flüchtet sich schließlich in den Selbstmord; ihre schüchterne Freundin Faezeh schwärmt nur solange von Amir, bis er sie tatsächlich zur Zweitfrau nehmen will. Die Fesseln einer dysfunktionalen Ehe abwerfend, wird die mittelalte Fakhri zur Gastgeberin in besagtem Garten, wo sich für einen kurzen Zeitraum eine Enklave von Künstlern, Philosophen und liberalen Geistern zusammenfindet. Das konkreteste Opfer der männlichen Machtstrukturen stellt schließlich die anorektische Prostituierte Zarin dar, die in der jenseitigen Naturkulisse Frieden zu finden scheint.

Ein solches Aufeinandertreffen von als artifiziell markierten Fantasieorten und einer zerbrechenden, erschütterten Außenwelt bietet dem Kino grundsätzlich ein äußerst reizvolles Sujet, das Raum läßt für beißende Sozialkritik wie für bildgewaltige Opulenz. Entscheidendes Moment für eine solche Inszenierungsstrategie stellt dabei sicherlich das Kontrastive dar: Das Fantastische, Ätherische, auch Kitschige darf die als unerträglich empfundene Wirklichkeit nicht glätten, ihre destruktive Wucht nicht abfedern, sondern muß in ein produktives, widersprüchliches Verhältnis zu ihr treten. Zu beobachten war eine ähnliche Versuchsanordnung jüngst in überlebensgroßer Form in Peter Jacksons umstrittenem In meinem Himmel. Wo Jackson zwar allerlei Angriffsflächen bot, aber immerhin seine ästhetische Idee mit aller gebotenen Konsequenz verfolgte, da drängt sich hier der Verdacht auf, daß die Regiedebütantin Neshat ihrem Motiv nicht so recht trauen wollte. Dem magischen Realismus der Romanvorlage von Shahrnush Parsipur wird sie letztlich untreu, indem sie die allzu explizit phantastischen Elemente der Erzählung entschärft und diese auf eine eindeutigere politische Lesart hin zurechtbiegt.

Das mag an sich ein ehrenwertes Unterfangen sein und als Reaktion auf die Möglichkeiten der nicht mehr an die Zensurregularien im Iran gebundenen Künstlerin auch verständlich. Women without Men ist eine dezidiert internationale Produktion und wird im Iran selbst wohl nicht zu sehen sein. Ästhetisch ist es trotzdem wenig überzeugend, wird doch ein Kunstwerk nicht unbedingt dadurch besser, daß es leichter und eindeutiger decodierbar wird. Somit bleibt der visuell durchaus reizvoll komponierte Film leider edelstes, aber auch furchtbar langweiliges Kunsthandwerk. 2010-06-24 15:08

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