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Splice

CDN/F/USA 2009. R,B: Vincenzo Natali. B: Doug Taylor. K: Tetsuo Nagata. S: Michele Conroy. M: Cyrille Aufort. P: Copper Heart Entertainment, Angy Films. D: Sarah Polley, Adrien Brody, Delphine Chanéac, David Hewlett, Brandon McGibbon, Abigail Chu, Stephanie Baird, Amanda Brugel.
108 Min. Senator ab 3.6.10

Spliced Girl

Von Stefan Höltgen Mit Cube hatte der US-amerikanische Regisseur Vincenzo Natali 1997 einen echten Überraschungshit gelandet: Ein minimalistisches, dystopisches Setting, das in seiner Beengtheit besonders viel Raum für die Figuren bereithielt; eine existenzialistische Parabel über das Leben im Labyrinth eines allmächtigen und unsichtbaren Daidalos. Mit Nothing schloß er 2003 daran an, steckte seine beiden befreundeten Protagonisten mitten in ein weißes Nichts und gewann dem absurden existentialistischen Versuchsaufbau einiges an Humor ab. Diesen Humor findet man in vielen Details seines jüngsten Films Splice ebenfalls wieder.

Etwa im Namen jenes Bio-Forschungsinstituts, in dem das Paar Clive und Elsa mit genetischen Experimenten beschäftigt sind. »N.E.R.D.« heißt der Konzern, und dort arbeiten die beiden insgeheim an einem Hybriden, einem genetisch veränderten Menschen mit teilweise tierischem Erbgut. Dieser soll zunächst Eiweiße synthetisieren, die es der Pharmaindustrie ermöglichen, Mittel gegen Alzheimer, Parkinson, Krebs und andere Geißeln der Menschheit zu entwickeln. Der jüngste Sproß von Clive und Elsa hat aber selbst eine Geißel – einen Schwanz, an dessen einem Ende sich ein Giftstachel und an dessen anderem Ende sich ein eigentlich ganz niedliches Mädchen mit den typischen Bedürfnissen eines Kindes befindet. Elsa tauft die Kleine, die neben einem Schwanz über seltsame Beine, ein etwas »verstelltes« Gesicht (das dem des Mädchens aus der PlayStation-Werbung vor ein paar Jahren ähnelt) und zwei sich erst später zeigende Flügel verfügt, auf den Namen »Dren«, was ihr einfällt, als das Mädchen den Konzernnamen mit Scrabble-Steinen buchstabiert.

Splice ist ein Monster- und ein Familienfilm und trägt als solcher durchaus Cronenberg'sche Züge. Denn die kleine Dren entwickelt sich schnell – niemand weiß genau wohin – und mischt sich in das Familienleben von Clive und Elsa ein. Während ihre Ziehmutter immer unterkühlter auf die sich auch sexuell schnell entwickelnde Dren reagiert, geht es Clive genau andersherum – er vermag sich ihr immer weniger zu entziehen. David Cronenberg hätte diese Dreiecksbeziehung in eine düstere Parabel über das Familienleben überführt; Vincenzo Natali macht daraus einen Monsterfilm, dessen Figuren zwar charmant sind, jedoch nur wenig zur Empathie einladen. Das verhilft dem Film jedoch zu einer gewissen Distanz zu seinen Zuschauern, die irgendwie jenen Abstand, der zwischen Dren und ihren Eltern herrscht, wiederholt: Man weiß nie, ob man Angst oder Mitleid haben soll mit dem Wesen und den Menschen um es herum.

Natalis Film erinnert neben Cronenberg zweitens natürlich, vor allem aufgrund seiner sexuellen Komponente, an Roger Donaldsons Species von 1995. Auch hier läuft ein genetisches Experiment zuerst fehl und dann davon, um auf Männerjagd zu gehen. War die genetisch manipulierte »Sil« jedoch noch eindeutig Femme fatale, so besitzt Dren eine mädchenhafte und eine frauliche Seite und macht es damit noch schwerer, ihr Verhalten eindeutig zu verurteilen – denn vielleicht will Dren ja auch nur spielen, wenn sie mit ihrem Giftstachel herumwedelt. Die Nahtstelle zwischen diesen beiden Wesenszügen in Dren schließt sich jedoch mehr und mehr, wie jene »Fuge« (Splice), die zuerst ihren kompletten Körper in zwei Hemisphären teilt. Am Ende ist Dren dann ein Monster und Splice endlich ein Monsterfilm. Das ist auch irgendwie schade, denn gerade in Hybridität und Unentschlossenheit war sein gleichsam komisches und horribles Potential am größten. 2010-05-28 16:54

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