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Der fantastische Mr. Fox

Fanstastic Mr. Fox. USA 2009. R,B: Wes Anderson. B: Noah Baumbach. K: Tristan Oliver. S: Andrew Weisblum. M: Alexandre Desplat. P: 20th Century Fox Animation, Blue Sky, Indian Paintbrush.
87 Min. Fox ab 13.5.10

Der tierische Wahnsinn

Von Daniel Bickermann Da ist es wieder, das Buch. Wie in so vielen seiner Filme stellt der literarisch und theatral interessierte Regisseur Wes Anderson auch hier einen Buchdeckel an den Anfang seines Films – der erneut in Kapitel mit eigenen Überschriften eingeteilt ist. Diesmal ist aber kein erfundenes Werk, sondern ein Originalcover zu sehen. Die wunderbare Welt des bösen Märchenonkels Roald Dahl dient mal wieder als Vorlage für einen entweder völlig verdrehten Kinder- oder einen grandios unterhaltsamen Erwachsenenfilm. Und wie schon der Puppenmeister Henry Selick in James und der Riesenpfirsich und das Gothic-Wunderkind Tim Burton in Charlie und die Schokoladenfabrik, so bringt auch Wes Anderson seine ganz eigene Interpretation dieser Welt auf die Leinwand.

Das emotionale Involvement beispielsweise, das in den abstrakten Hirngeburten Dahls manchmal zu kurz zu kommen droht, liefert der Filmemacher (und sein Ko-Autor Noah Baumbach) in Form einiger erneut schmerzhaft-wahrhaftiger Familienkonflikte – die beiden sind das Traumduo der Traumatisierung, wenn es um Familien geht. Auch die Musik kommt dem kundigen Konsumenten entfernt bekannt vor: Neben ländlichem Lagerfeuer-Banjo-Geklimper, das dem Sujet geschuldet ist, gibt es auch wieder die üblichen Zeitlupen zur Musik der Rolling Stones und der Beach Boys.

Spätestens jetzt muß die Frage aufkommen, wie all das bitteschön als Stop-Motion-Animationsfilm mit pelzigen Puppen wirkt. Die Antwort lautet: überraschend gut. Von der ersten Sequenz, einem spektakulären Hühnerdiebstahl in bester James Bond-Tradition, über die beinahe tarantinoesk vermischten Momente des Familiendramas und des Italowesterns, bis zum Abdriften des Plots in einen Individualkriegsfilm irgendwo zwischen Rambo und Wallace und Gromit – jede Sequenz dieses bemerkenswerten Films vereint Geschwindigkeit, Witz und einen so mühelosen Charme, wie man ihn im Unterhaltungskino häufig vermißt und viel zu selten sieht.

Was aber, wie eine Figur im Film selbst provokativ fragt, mag wohl der Subtext von all dem sein? Ist es die tierische Natur des Menschen, die hier gezeigt wird? Schließlich kann Anderson seinen Helden in einen braunen Cordanzug stecken und in die geschmackvoll eingerichtete Anwaltskanzlei »Dachs, Bieber und Bieber« schicken – aber wenn es bei den legalen Verhandlungen nicht so gut läuft, dann faucht und knurrt und schnappt man schon mal nach seinem Gegenüber. Steckt hier nicht auch der Hauptkonflikt des Helden, der sein abenteuerlustiges Hühnerreißen trotz aller Versprechen an die Ehefrau und äußerlicher Domestizierung im Baumstumpfhaus einfach nicht lassen kann?

All das mag interessant und vor allem höchst amüsant sein, den Kern des Films trifft es nicht. Spannenderweise nämlich liegt der größte Reiz des Fantastic Mr. Fox nicht in der urkomischen Vorlage, der furiosen Musik oder dem raffiniert erweiterten Drehbuch – sondern in der Haltung Andersons gegenüber seinen Figuren. Neben wunderbarer Farbgebung in warmen sonnengelben und erdbraunen Tönen behandelt der Regisseur, ganz im Sinne Dahls übrigens, seine tierischen Protagonisten wie seine früheren menschlichen – er filmt sie in den gleichen frontalen Fluchtpunktperspektiven, gibt ihnen die gleichen Momente größter Demütigung und größten Triumphes und ringt ihnen vor allem das gleiche, brillante Comic timing ab. Dies erreichten die Animationskünstler unter Leitung von Mark Gustafson (der den anfangs beteiligten Henry Selick ersetzen mußte, nachdem dieser an Coraline weiterarbeitete) nicht trotz, sondern gerade wegen einer absichtlich holprigen Animation mit nur 12 statt 24 Bildern pro Sekunde. Und da Anderson nach eigener Aussage fast nie am Set war, sondern seine Regieanweisungen größtenteils aus Frankreich per E-Mail gab (auch das könnte ein Novum in der Filmgeschichte sein), gebührt den Animatoren eine gehörige Portion Lob für das Endprodukt.

Und so steckt der wahre Kern und der eigentliche Reiz eines Anderson-Films mal wieder nicht in den herzbrechenden, weltbewegenden, aber herrlich undramatisch erzählten Geschehnissen, sondern in den kleinen Albernheiten, die am Rande passieren, in den charmanten Dummheiten der Figuren, überhaupt in der lakonischen Attitüde, mit der sie diesem Wirbelsturm von einer Welt begegnen. 2010-05-07 12:31

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