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Mammut

Mammouth. S/D/DK 2009. R,B: Lukas Moodysson. K: Marcel Zyskind. S: Michael Leszczylow- ski. M: Jesper Kurlandsky, Erik Holmquist, Linus Gierta. P: Memfis Film. D: Michelle Williams, Gael Garcia Bernal, Marife Necesito, Sophie Nyweide, Thomas McCarthy, Jan Nicdao u.a.
125 Min. MFA (24 Bilder) ab 10.6.10

Mütter aller Länder, vereinigt Euch!

Von Tamara Danicic Viele Mütter gehen heutzutage arbeiten – die einen, um sich selbst zu verwirklichen, die anderen aus blanker ökonomischer Notwendigkeit. Zuweilen landen sie dabei sogar auf einem anderen Kontinent, wo sie für die berufstätigen Mütter fremder Kinder einspringen, um dem eigenen Nachwuchs ein klein wenig Zukunft zu sichern. Gewissensbisse als »collateral damage« sind bei diesem Deal vorprogrammiert. So weit, so bekannt – und dennoch keineswegs reizlos als Sprungbrett für eine gute Geschichte.

Lukas Moodyssons Globalisierungs-Familien-Drama basiert auf solch einer Konstellation. Hier die kurz vorm Burnout stehende New Yorker Chirurgin Ellen, die eifersüchtig auf die emotionale Abnabelung ihrer achtjährigen Tochter Jackie reagiert; dort das gütige Filipino-Kindermädchen Gloria, das sich nur im stillen Kämmerlein der Sehnsucht nach ihren zwei Söhnen hinzugeben wagt. Und dann ist da noch Ellens Mann Leo, ein nie ganz erwachsen gewordener Computerfreak, der es in der Spieleindustrie zu einem erklecklichen Vermögen gebracht hat, aber immer noch dem Sinn des Lebens hinterherläuft. Als es ihn geschäftlich nach Thailand verschlägt, erliegt er, nach anfänglichem Widerstand, den Reizen einer einheimischen Prostituierten. Wie es das Drehbuch so will, entpuppt sich diese ebenfalls als innerlich zerrissene, auf das unehrenhafte Geld angewiesene Mutter. (Leo wiederum besinnt sich rasch wieder auf seine Verantwortung als Vater, Gatte und achtbarer US-Bürger und kehrt reumütig in den Schoß der Familie zurück.)

Daß man es hier mit einer grundsätzlichen, weltweiten Misere zu tun hat, suggeriert schon der Schnitt. Mittels eines Match cuts gleitet man nahtlos vom Nobelloft in Soho über die philippinische Unterschichtenbehausung ins thailändische Deluxe-Hotel. Das Leiden hinter den automatischen Rollos in Ellens und Leos Schlafzimmer ist im Grunde dasselbe wie das unter dem Moskitonetz der beiden alleingelassenen Söhne Glorias, suggeriert der Film. Dabei scheint es Moodysson mit seiner Globalisierungsschelte absolut ernst zu sein. Kleine ironische Brechungen wie die Szene, in der Gloria in New York einen auf den Philippinen gefertigten Basketball kauft, um ihn nach Hause zu ihren Söhnen zu schicken, kann man mit der Lupe suchen. Wenn man es sich als Zuschauer nicht schon im Mitleiden behaglich eingerichtet hat, dann kann man sich mit der Erkenntnis trösten, daß es woanders auch nicht besser ist.

Gar zu leicht werden in diesem vor guten Absichten strotzenden Drama Kreise geschlossen und dabei Kurzschlüsse erzeugt. Alle wollen immer nur das Beste und werden dafür mit Seelenpein bestraft. Es wimmelt nur so vor fremdgesteuerten, bemitleidenswerten Kreaturen, die nie aus freien Stücken schlecht handeln würden. Die Lösung, die Mammut am Ende anbietet, mag vielleicht im ersten Moment sympathisch erscheinen, in ihrem Kern könnte sie aber auch dem »Handbuch der Katholischen Soziallehre« entstammen: Kinder und Eltern gehören nicht getrennt. Selbstverwirklichung hin, wirtschaftliche Zwänge her. 2010-06-07 16:22

Abdruck

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