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La Pivellina

A/I 2009. R,B,S: Tizza Covi. R,K: Rainer Frimmel. P: Vento Film. D: Tairo Caroli, Asia Crippa, Patrizia Gerardi, Walter Saabel.
100 Min. Filmgalerie 451 ab 27.5.10

Fundsache Kleinkind

Von Nils Bothmann Ein Ehepaar von Zirkusartisten findet ein kleines, alleingelassenes Mädchen auf einem Spielplatz, nimmt das Kind in den familiären Zirkel auf, ohne zu ahnen, daß sich die Mutter nach geraumer Zeit dann doch melden wird – man stelle sich diese Geschichte als Beitrag im deutschen Fernsehen vor, wahrscheinlich im Reality-TV oder als Beitrag bei einem Nachmittagsmagazin. Vermutlich würde man die Ereignisse mit narrativen Strukturen pimpen (Berichten zufolge werden selbst Talkshow-Macher angewiesen, doch das Modell der Heldenreise aus Joseph Campbells »Der Held mit den tausend Gesichtern« in ihren Formaten unterzubringen) und gleichzeitig die Artisten als andersartige Freaks darstellen, damit der sensationslüsterne Zuschauer auch was zu sehen hat, ehe am Ende die verlogene Moral steht, daß »die« doch genauso sind wie »wir«.

La Pivellina erzählt diese Geschichte nun als fiktiven Film und ist dabei ironischerweise wesentlich natürlicher als all jene Formate, die anpreisen, doch die Realität wiederzugeben. Nahe, mit der Handkamera gefilmte Einstellungen erzeugen eine Bindung an die Figuren, einen nüchternen Realismus, wie man ihn von Filmen wie Andreas Dresens Halbe Treppe kennt. Trotz ihres exotischen Berufs und ihres Lebens im Trailer wirken die Hauptfiguren weder wie White Trash noch wie freakige Exoten, selbst die leuchtend rot gefärbten Haare von Ersatzmutter Patty fallen schon nach kurzer Zeit kaum mehr auf. La Pivellina behauptet nicht, auf wahren Begebenheiten zu basieren, doch die Beobachtungen des Alltags haben etwas unheimlich Intimes, als würde man mit den Figuren in ihrem Wohnwagen-Wohnzimmer sitzen. Zur Schaffung von Authentizität wurden alle Rollen mit Laiendarstellern besetzt, deren Rollennamen gleichzeitig ihre tatsächlichen sind; Patrizia Gerardi und Walter Saabel haben mit den Regisseuren bereits 2005 an der Dokumentation Babooska gearbeitet, was das Gefühl der Vertrautheit in La Pivellina nur noch verstärkt.

Ganz im Sinne des Naturalistischen, des Dokumentarischen verzichten die Macher auf narrative Strukturen, gestalten ihren Film als Momentaufnahme: Die Abholung des Mädchens wird nicht mehr gezeigt, die biologische Mutter ist also nie im Bild präsent, stattdessen endet der Film mit einer wehmütigen Abschiedsfeier für das Beinahe-Mitglied der Familie. Subplots wie die Probleme der zusätzlichen Kosten, die das gefundene Kind verursacht, werden angerissen, ihre Auflösung wird oft ausgelassen. Die Figuren finden eine Lösung, um sich durchzuschlagen – so wie es im realen Leben auch häufig ist, ohne daß im Hintergrund Betroffenheitsmusik läuft und der deus ex machina in Filmminute 86 die letzte Rettung bringt. Lebensnäher dürfte der fiktionale Film kaum werden, und dabei beansprucht La Pivellina diese Eigenschaft gar nicht offen für sich: Bescheidenheit ist eine Tugend seiner Macher. 2010-05-24 09:29

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #58.

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