— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Forgetting Dad

D 2008. R,B,S: Rick Minnich, Matt Sweetwood. K: Axel Schneppat. M: Ari Benjamin Meyers. P: Hoferichter & Jacobs.
84 Min. W-film ab 27.5.10

Das Gehirn als Black Box

Von Matthias Wannhoff Manchmal, so scheint es, ahmt nicht das Kino die Wirklichkeit nach, sondern die Wirklichkeit das Kino. Vorausgesetzt, man traut den Worten jener, die dem Tod schon mal direkt ins Auge blickten und behaupten, dort ihr Leben im Zeitraffer gesichtet zu haben. Als böte das Zauberreich der bewegten Bilder Zuflucht vor den Grenzen der Alltagssprache, wenn es darum geht, das Unfaßbare auf den Begriff zu bringen. Unfaßbares wie den Fall des amerikanischen Familienvaters Richard Minnich, dem an einem Samstagmorgen im Mai 1990 das Leben zum Spielfilm wurde. Zumindest ist das, was an diesem Tag in seinem Kopf geschah, eigentlich nur auf Zelluloidrollen oder Magnetbändern denkbar: Ein Sprung auf der Zeitachse, ein alles verändernder Schnitt. Die Überschreibung oder Auslöschung von Erinnerung. Der damals 46jährige war durch einen drei Tage zuvor erfolgten Autounfall wieder zum Kind geworden. Vorausgesetzt auch hier, daß man seinen Worten traut. Denn bizarrerweise konnte kein Arzt eine sichtbare Veränderung im Hirn des Mannes feststellen.

Forgetting Dad wäre bereits eine kleine Sensation, würde er bloß vom medizinischen Mysterium um einen Mann handeln, der sich und seine Vergangenheit vergaß. Wie der doppeldeutige Titel jedoch schon anklingen läßt, handelt es sich zugleich um die autotherapeutische Versuchsanordnung eines Filmemachers, der seinen Vater an die Amnesie verlor. Damit geht Forgetting Dad bis an die Grenze dessen, was überhaupt filmisch dokumentiert werden kann, da die Spurensuche, auf die Rick Minnich den Zuschauer mitnimmt, zusammenfällt mit der kognitiven Neusortierung seiner eigenen Vergangenheit. Film als Rebellion gegen die Aporie, als energischer Schrei nach Wahrheit. Vor allem aber der Beweis dafür, daß die besten Geschichten manchmal eben doch das Leben schreibt.

Es ist ein kryptisches Mosaik, aus dem Minnich die Krankengeschichte seines Vaters rekonstruiert. Dieser lebt in zweiter Ehe in der kalifornischen Universitätsstadt Davis, als er eines Tages weder sein Spiegelbild noch seine Familie wiedererkennt. Rick, nach der elterlichen Scheidung bei seiner Mutter aufgewachsen, weilt da bereits in Europa. Als er wenig später seinen Vater besucht, findet der 23jährige nicht etwa einen Pflegefall vor. Der »neue Richard«, wie er sich nennt, ist sprachmächtig und pflegt mit seiner »alten«, ihm aber völlig fremden Familie weiterhin Schriftverkehr. In einem Brief verkündet er stolz, daß er jüngst das Alphabet zu schreiben gelernt habe. Erst spät fragt sich Sohn Rick, wie jemand ohne alphabetische Kenntnis Briefe an seine Angehörigen verfassen kann.

War die vermeintliche Amnesie für Richard Minnich bloß ein Vorwand, um dem ungeliebten Leben zu entfliehen? Schließlich wurde er über Nacht auch von den unbequemen Qualitäten des Gedächtnisses befreit, das ja im Normalfall bloß verdrängen kann, was es zu vergessen wünscht. Über den ominösen Datenbetrug bei seinem Arbeitgeber jedenfalls, der den IT-Fachmann kurze Zeit später entlassen sollte, verlor dieser nach seinem Unfall kein Wort mehr.

Annäherungen an die Black Box des väterlichen Gehirns sind dem Sohn freilich nur indirekt über Schnittstellen möglich: über Krankenakten, Ermittlungsprotokolle und Gespräche mit Angehörigen. Im Grunde kehrt Rick Minnich hierfür jene Strategie des Pseudo-Dokumentarischen um, wie sie ihren Niederschlag momentan vielerorts im Einsatz von Wackelkameras oder behauptetem »found footage« findet. Demgegenüber lautet die Formel hier: Ästhetisierung des Realen, in der Off-Kommentar, Interviews und Archivmaterial ergänzt werden durch behutsam eingesetztes Reenactment. Der Soundtrack von Ari Benjamin Myers wiederum vermag jenes Spannungsmoment, das Minnichs Geschichte ohnhin innewohnt, noch zu pointieren.

Einen objektiven Beitrag zur Hirn- oder Traumaforschung kann Forgetting Dad darum nicht leisten. Daß sich der Film letzlich auf eine Lesart des Falls Richard Minnich, der inzwischen mit einer rund 20 Jahre jüngeren Frau in Oregon lebt, festlegt, verwundert mit Blick auf den genuin privaten Charakter seiner Erzählung kaum. Die Frage jedoch, ob man mit seinem Gedächtnis auch die Verantwortung für das Vergessene verliert, läßt diese beispiellos berührende Dokumentation offen. Sie zu beantworten, bleibt dem Betrachter überlassen. 2010-05-20 11:59

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