— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Du sollst nicht lieben

Einaym Pkuhot. IL/D/F 2009. R: Haim Tabakman. B: Merav Doster. K: Axel Schneppat. S: Doy Stoyer. M: Nathaniel Mechaly. P: Riva Filmproduktion. Pimpa Film Productions. D: Zohar Shtrauss, Ran Danker, Tinkerbell, Tzahi Grad, Issac Sharry, Avi Grainik.
91 Min. Salzgeber ab 20.5.10

Stein des Anstoßes

Von Matthias Wannhoff Als sich der israelische Regisseur Haim Tabakman aufmachte, immerhin ein paar Szenen von Du sollst nicht lieben an jenem Ort zu drehen, der im Film als Schauplatz der Handlung behauptet wird, da hatte man ihm und seiner Crew buchstäblich Steine in den Weg gelegt. Mit eben solchen nämlich wurden er und sein Gefolge von den Bewohnern des Jerusalemer Viertels Me’a Sche’arim beworfen, wie Tabakman in einem Interview verrät. Eine Anekdote mit theologischem Kern: Denn trotz – oder gerade wegen – des weitgehenden Durchbruchs elektronischer Medien scheint im ultraorthodoxen Judentum noch immer ein biblisches Bilderverbot zu gelten, dessen Wirkungsmacht auch die Filmkunst erfaßt. Angedeutet wird dies in Tabakmans Film, wenn dort ein Mann Besuch von erzürnten Gemeindemitgliedern bekommt, die ihn drängen, die Finger von jener jungen Frau zu lassen, deren Vermählung innerhalb der Gemeinde doch bereits arrangiert sei: Der vielleicht abschätzigste Blick unter den drei Herren gilt hierbei dem Fernsehapparat in der Wohnung des Mannes.

Das Judentum zieht also, frei nach Marshall McLuhan, den »heißen« Bildmedien konsequent die »kalte« Schrift vor, deren Mehrdeutigkeit der Titelfigur Aaron in Du sollst nicht lieben allerdings schwer zu schaffen macht. Als ein Rabbiner argumentiert, auch Enthaltsamkeit könne Sünde sein, hält Aaron entgegen, daß Gottes Diener zu sein doch bedeute, jeglicher Herausforderung zu trotzen. Einer solchen steht der geschäftstüchtige Fleischer denn auch gegenüber, als er das Fleisch begehrt von Ezri, einem Jeschiwa-Schüler, dessen sexuelle Neigungen im Viertel bereits die Runde machen. Der Protagonist erwacht als leiblich-materielle Variante des Doktor Faust, indem er an seinem Glauben nicht aus reiner Vernunft heraus zweifelt, sondern auf Grundlage dessen, was sich geradewegs der Vernunft entzieht: der Begierde und, in kurzen Momenten spürbar, gar der Liebe.

Daß im Zentrum von Tabakmans Drama letztlich weniger die Liebe zweier Männer steht als vielmehr ihre Verhinderung, hängt zusammen mit der Realität, auf die der Film verweist. Schon deshalb ist Du sollst nicht lieben ein wichtiger Film, da Diskurse um das Verhältnis von Homosexualität und schriftfixierter Religiosität einem Seiltanz gleichen, dessen Weg unweigerlich von Paradoxien geebnet wird: Wie über Homosexualität reden, wenn diese gemäß Altem Testament bloß negativ als sündige »Verirrung« zu denken ist? Auch Tabakmans Film zeugt von dieser Spannung, denn offen gesprochen wird über das heikle Thema nicht. Gleichwohl deuten die beinahe mafiös wirkenden Repressionen seitens der Gemeinde sowie die sinnlich-sittliche Zerrissenheit Aarons – bravourös gespiegelt im dezenten Minenspiel von Zohar Strauss – die Dimension jener Problematik an, welche es letzten Endes nicht filmisch, sondern systemimmanent zu bearbeiten gilt. Genuin filmisch ist derweil der Moment vor Aarons und Ezris erstem Kuß, in welchem die Zizit, wesentlicher Bestandteil jüdisch-orthodoxer Kleidungsetikette, plötzlich als Symbol homoerotischer Lust fungiert. Ein schönes Bild: Die Bedeutung eines Zeichens, auch religiöser Art, ist sein Gebrauch innerhalb der Kultur. 2010-05-14 16:54

Abdruck

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap