— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Der Vater meiner Kinder

Le père de mes enfants. F/D 2009. R,B: Mia Hansen-Løve. K: Pascal Auffray. S: Marion Mon- nier. M: Pascal Mayer. P: Les Films Pelléas, 27 Films Production. D: Louis-Do de Lencquesaing, Chiara Casselli, Alice de Lencquesaing, Alice Gautier, Manelle Driss u.a.
112 Min. Farbfilm ab 20.5.10

There's No Business

Von Eva Tüttelmann Regelmäßig begegnet man Filmen, die sich um das Filmemachen selbst drehen. Sei es Billy Wilders Sunset Boulevard, Elias Merhiges Shadow of the Vampire oder jüngst Pedro Almodóvars Zerrissene Umarmungen – die filmschaffenden Figuren sind hierbei oft Stereotype, die »Realität« des Filmemachens gern ein romantisiertes Abbild der Wirklichkeit. Mia Hansen-Løves zweiter Kinospielfilm Der Vater meiner Kinder entsagt dieser beinahe schon zur Tradition avancierten Verklärtheit und zeichnet das filmische Gewerk der Produktion als knallhartes Geschäft, in dem es gilt, eine scheinbar unmögliche Balance zu halten: Während Grégoire Canvel morgens Fördergeldern hinterherjagt und die Bank um einen weiteren Kredit in Millionenhöhe anfleht, organisiert er mittags die Hotelzimmer von koreanischen Filmteams und schlägt sich sowieso den ganzen Tag mit den Launen exzentrischer Regisseure herum, die bei Bedarf mal eben spontan ganze Drehtage platzen lassen. Mit zwei Handys am Ohr kämpft er für die kleinen, aber feinen Independent-Produktionen.

Es wird kein Hehl daraus gemacht, daß die Dramaturgie zur Hälfte des Films eine schwerwiegende Zäsur erfährt. Der Zuschauer weiß, was ihn erwartet, während ihm die Figur des idealistischen Produzenten und liebevollen Familienvaters ans Herz wächst: Grégoire zerbricht am beruflichen Druck und, als ihn die Verzweiflung überwältigt, zieht er ad hoc einen Schlußstrich. Seine Familie ist fassungslos, ging es doch noch gestern nur darum, daß sie mehr gemeinsame Zeit von ihm eingefordert hatten. Das Konzept Hansen-Løves, dieses Schlüsselereignis weder an den Anfang noch ans Ende des Films zu verkaufen, zahlt sich aus und bietet der Ge- schichte und jeder der Figuren großen Entfaltungsraum. Während man im ersten Teil des Films Grégoire folgt, wird einem dieser als Protagonist plötzlich entrissen und der Blick auf das Geschehen – erstaunlich erfolgreich – neu gelenkt. Seine Familie – seine Frau, die sich kopfüber in die Fortführung der Firma und den Abschluß der laufenden Projekte stürzt, und allen voran seine älteste Tochter Clémence füllen die klaffende Lücke in der Erzählung aus und lassen uns teilhaben an ihrer leisen Trauer und der Wucht, mit der sie die Verständnislosigkeit trifft.

Mit Der Vater meiner Kinder ist Mia Hansen-Løve ein intensiver Film über Suizid und den Schmerz der Hinterbliebenen gelungen, der dem zu befürchtenden Pathos mit erfrischender Konsequenz entsagt und Leichtigkeit schafft, ohne dabei unsensibel zu sein. Gerahmt von krachbunten Credits und dem »Egyptian Reggae« im Vorspann sowie der zwitschernden Doris Day im Abspann liefert sie ein kraftvolles, unaufgeregtes Familienportrait ab, das durch seine fabelhaften Darsteller (besonders beeindruckend: das Vater-Tochter-Gespann Alice und Louis-Do de Lencquesaing) noch zusätzlich aufgewertet wird. 2010-05-14 10:58

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #58.
© 2012, Schnitt Online

Sitemap