— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Die Beschissenheit der Dinge

De helaasheid der dingen. B 2009. R,B: Felix van Groeningen. B: Christophe Dirickx. K: Ruben Impens. S: Nico Leunen. M: Ilan Eshkeri. P: Favourite Films NV, IDTV Film. D: Johan Heldenbergh, Koen de Graeve, Wouter Hendrickx, Pauline Grossen, Valentijn Dhaenens, Natali Broods, Kenneth Vanbaeden u.a.
108 Min. Camino ab 20.5.10

Smells like Teenager’s Spirit

Von Bettina Schuler Coming-of-Age-Geschichten umgibt immer ein Hauch von Melancholie. Egal, ob sie so radikal sind wie Larry Clarks Kids, so skurril wie Mike Mills Thumbsucker oder so leicht wie der 1980er-Klassiker La Boum. Das mag zum einen an der unfaßbaren Hilflosigkeit der dargestellten Jugendlichen liegen, zum anderen daran, daß man selbst gerne einen sehnsüchtigen Blick auf diese Zeit zurückwirft, in der Verliebtsein sich noch wie ein Tornado im Bauch und ein Verbot der Eltern wie das Ende der Welt anfühlten.

Auch Gunther Strobbe, die Hauptfigur in Felix van Groeningens Film Die Beschissenheit der Dinge, wirft einen melancholischen Blick auf seine Jugend in den 1980ern zurück, die er zusammen mit seinem alkoholkranken Vater und dessen drei ebenso versoffenen Brüdern bei seiner Großmutter verlebt hat. Ein tristes Leben, das alles andere als einladend wirkt und das der Autor Dimitri Verhulst, auf dessen gleichnamiger Vorlage van Groeningens Film basiert, tatsächlich führte.

Van Groeningens Film setzt zu einem Zeitpunkt von Gunthers Jugend an, zu dem er das Leben seiner Familie noch wie eine Dauerparty sieht. Und in der es Gunthers größtes Ziel im Leben ist, genauso viele Frauen zu vögeln und Alkohol zu vertragen wie sein jüngster Onkel. Daß dessen Versuch, aus dieser Chancenlosigkeit einen Lebensstil zu kreieren, lediglich ein Schutz vor den eigenen Minderwertigkeitskomplexen ist, begreift Gunther erst, als er sich mit einem Jungen aus gutbürgerlichem Hause anfreundet. Doch sein Ausflug in diese Welt währt nicht lang, denn recht schnell wird dem Jungen von seinen Eltern verboten, sich weiterhin mit Gunther zu treffen. Ein Verbot, das Gunther schlagartig vor Augen führt, welche Stellung seine Familie in der Gesellschaftshierarchie einnimmt. Völlig überfordert von der Situation greift er auf seinen letzten Rettungsanker, den vielbeschworenen Ehrenkodex der Familie zurück. Doch als er für seinen körperlichen Einsatz zur Rettung der Familienehre eine Anzeige kassiert, wird ihm auch dieses letzte Schlupfloch geraubt. Anstatt eines Lobs hagelt es Prügel vom Vater.

Ab diesem Moment wandelt sich die Stimmung des Films. Es ist, als sei Gunther nach einer durchzechten Nacht mit einem klaren Kopf aufgewacht und könnte sein Leben plötzlich im rechten Licht sehen. Der Vater wirkt nicht mehr wie ein trinkfester Held, sondern wie ein vollgekotztes Häufchen Elend, und sein Onkel mutiert zu einem notgeilen, peinlichen Sprücheklopfer. Die Kamera wird zum Spiegel von Gunthers verändertem Blick auf seine Familie, von der er sich immer mehr distanziert, weil er weiß, daß er sonst wie der Rest der Strobbe-Männer enden wird.

Die gelungene Inszenierung einer harten Jugend, die mehr wie eine persönliche Erzählung, denn wie ein klassisches Sozialdrama wirkt. Und der van Groeningen vor allem dadurch die Schwere nimmt, daß er die Strobbe-Männer nicht nur als eindimensionale, fiese Alkoholiker charakterisiert, sondern immer wieder deutlich hervorhebt, wie sehr ihr Herz an ihrem Jüngsten hängt. Mit ihren hippen Vokuhilas und lässigen 1980er Jahre Outfits wirken die Männer häufig wie die coolen Jungs aus der Ober- stufe. Ein Eindruck, der durch die Liebe der Jungs zur absolut unzeitgemäßen Musik von Roy Orbison, zu der sie gerne auch mal mitten im Wohnzimmer das Tanzbein schwingen, nur noch verstärkt wirkt.

Diese Mischung aus Ernst, Leichtigkeit und einer Portion Tragikomik macht diesen Teil der Geschichte absolut sehenswert. Was man leider von der zweiten Handlungsebene, in der van Groeningen die Geschichte von Gunthers Erwachsenenleben und Aufstieg zum Erfolgsautor erzählt, nicht gerade behaupten kann. Hier greift der Regisseur ordentlich in die Pathos-Kiste und wählt einen Hauptdarsteller, der allein schon wegen seines markanten und verlebten Gesichts wie die klischeehafte Personifizierung einer harten Jugend wirkt. So gut man Gunthers Entwicklung von einem unreifen Teenager zu einem verantwortungsbewußten jungen Mann nachvollziehen kann, so wenig versteht man hier seinen Wandel von einem zynischen Mann zu einem beseelten Erwachsenen, der endlich Verantwortung für sein uneheliches Kind übernimmt. Wenn es wirklich nur an der gesellschaftlichen Akzeptanz liegt, die er nun als anerkannter Autor genießt, hat er wahrlich wenig aus seinem früheren Leben gelernt. 2010-05-13 12:00

Abdruck

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap