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David Wants to Fly

D/CH/A 2009. R,B: David Sieveking. K: Adrian Stähli. S: Martin Kayser-Landwehr. M: Karl Stirner. P: Lichtblick Film- und Ferseh- produktion, Dschoint Ventschr Filmproduktion AG.
97 Min. Neue Visionen ab 6.5.10

Transzendentale Prokrastination

Von Jakob Stählin Das Dilemma, das viele junge Medienmacher eint, ist sicherlich jenes, daß, hat man erst einmal das Handwerk erlernt, ein Stoff gefunden werden muß, den man erzählen kann. Von der Finanzierung mal abgesehen, ist es gerade für junge Filmschulabgänger häufig schwer, aus persönlicher Erfahrung heraus ein für ein größeres Publikum anregendes Thema zu finden. Vollgepumpt mit Ideen und Idealen von Vorbildern stagniert es sich gut, und so verhält es sich auch bei David Sieveking, der in seiner Berliner Studentenbude, rauchend und von leeren Bierflaschen umgeben zu der ernüchternden Erkenntnis gelangen muß, daß, so gerne er doch stets abgründige Filme wie sein großer Held David Lynch machen wollte, ihm schlicht die Abgründe fehlen. Eines schönen, ganz im Zeichen der Prokrastination stehenden Tages entdeckt der Regisseur eine Internetseite, die einen Auftritt Lynchs im amerikanischen Nirgendwo ankündigt. Hals über Kopf und mit der Kamera in der Hand steigt er in den Flieger und steht kurz darauf seinem Helden gegenüber.

Lynch wirbt für Transzendentale Meditation (TM), eine Meditationstechnik, die der Inder Maharishi Mahesh Yogi entwickelt hat. Dieser wurde einer größeren Öffentlichkeit bekannt, als Popstars wie die Beatles oder Donovan in den 1960er Jahren bei ihm residierten und dies auch in ihren Songs verarbeiteten. Mit neugieriger Naivität stürzt sich David Sieveking in die Welt der TM, von der er sich nicht zuletzt die langersehnte Inspiration für sein erstes richtiges Filmprojekt erhofft.

Was sich wie die Vorgeschichte einer Dokumentation anhört ist in David Wants to Fly bereits Realität. Sievekings Anlaufschwierigkeiten, Diskussionen mit seiner Freundin und das erste Interview mit David Lynch sind bereits von der Kamera dokumentiert, und so ist der Film der Versuch einer Darstellung des Filmemachens an sich. Durch diese Herangehensweise begibt sich Sieveking natürlich in den Fokus, und so stellt sich die Frage, welcher David im Titel denn nun gemeint ist. Im Zentrum der Erzählung stehen stets der Regisseur selbst und seine Freundin, was leider, so stilistisch notwendig dies ist, insofern nicht ganz aufgehen mag, als die beiden Helden einen arg selbstverliebten Eindruck erwecken. Zu arrogant wirken der junge Berliner Filmemacher und seine New Yorker Lebensgefährtin, um sie wirklich ins Herz schließen zu können, was auf Spielfilmlänge jedoch hilfreich gewesen wäre. So stoßen die privaten Querelen der Protagonisten übel auf; den Gipfel der Absurdität erreicht der Film, als die beiden im Licht der Kamera mit Tränen in den Augen ihre Beziehung beenden. Es fällt schwer, sich einen emotional integeren Menschen vorzustellen, der eine Regieanweisung zur korrekten Inszenierung seiner eigenen Trennung zu geben imstande ist.

Dennoch ist der unaufgeregte Stil des Films hochinteressant. So interessant gar, daß im Laufe der Investigation Filmförderung für das Projekt aufgebracht wird und Sieveking – nun endgültig in seinem Element – Mittel hat um den Globus zu bereisen und immer weiter der Frage nachzugehen was wirklich hinter der Organisation steckt, der David Lynch schon seit Jahrzehnten anhängt. Narrativ glücklich stirbt Maharishi Anfang 2008, und so gelingen phantastische Bilder einer absurden Beerdigungszeremonie, die deutlichmachen, daß TM nicht nur das friedliche herunterplappern eines Mantras beinhaltet, sondern ein klarer Kult um die Bewegung gesponnen wurde. Mit wunderbar naivem Sendung mit der Maus-Charme heftet sich das Filmteam an jede Information, wird alsbald von der sich immer mehr als geldmachende Sekte entpuppenden Organisation von allen Veranstaltungen verbannt, doch die Kamera hat bereits genug Material aufgezeichnet, um einen äußerst intimen Einblick in die Interna der selbsternannten Gurus und Rajas zu geben. Man droht mit Klage. Der Film jedoch ist zu diesem Zeitpunkt ohnehin schon ganz woanders, gerät zur persönlichen Sinnsuche und so zu einer kuriosen Melange aus Portrait eines Schlags junger Filmemacher, meditierenden Fanatikern, die durch »yogisches Fliegen« den Weltfrieden herbeizaubern wollen, und einer interessanten Reise durch verschiedene spirituelle Quellen der Welt. Die Wahrheit ist ein pfadloses Land, jeder Weg recht, so der Tenor eines Films, der in seiner Leichtigkeit Maharishi weit hinter sich gelassen hat. 2010-04-30 13:25

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