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Ayla

D 2009. R,B: Su Turhan. B: Beatrice Dossi. K: Florian Schilling. S: Horst Reiter. M: Ali N. Askin. P: TV60Film, Burkert Bareiss Development. D: Pegah Ferydoni, Mehdi Moinzadeh, Saskia Vester, Timur Isik, Türkiz Talay, Sesede Terziyan, Mehtap Yurtseven, Baris Sezer u.a.
88 Min. Zorro ab 6.5.10

Aufguß

Von Arezou Khoschnam Es gibt ›uns‹ und es gibt ›die anderen‹, unabhängig davon, ob man von geographischen, kulturellen oder religiösen Differenzen spricht. Wenn wir mit ›uns‹ nunmehr von uns Europäern sprechen, so haben die von uns unterschiedenen ›anderen‹ in den letzten Jahren zunehmend ein festgelegtes Gesicht bekommen: dunkler Teint, schwarze Haare, langer dichter Bartwuchs und irgendeine Kopfbedeckung. Alles oberflächliche Attribute, die sich leider nicht nur visuell zu einem dunklen Bild verdichten. Die ›anderen‹ kommen aus einer ›uns‹ fremden Welt und alles Fremde schürt erst einmal Angst. Be- sonders seit einem bestimmten Septembertag vor knapp zehn Jahren, an dem sich Schreckliches ereignet hat, zu dem die ›anderen‹ maßgeblich beigetragen haben.

Während die deutschen Fernsehkrimis regelmäßig interkulturelle Probleme zwischen der ersten und zweiten Generation muslimischer Migrationsfamilien beleuchten, verwundert es nicht, daß sich jetzt auch das aktuelle deutsche Kino vermehrt diesem Thema zuwendet, so wie vor kurzem Die Fremde von Feo Aladag und nun Ayla von Su Turhan. In beiden Filmen geht es um religiös-konservative türkische Familien, die die westliche Lebensweise ihres weiblichen Nachwuchses verurteilen und den einzigen Ausweg im Mord sehen. Maßgebliches Motiv: die Familienehre.

Diese Reaktion der ›anderen‹ ist uns Europäern so fremd, daß wir uns zwangsläufig fragen: Was geht in Vätern und Müttern vor, die die eigene Tochter aus Gründen der Ehre umbringen? Was treibt sie an? Inwiefern ist diese Tat in der Kultur oder der Religion manifestiert? Alles berechtigte Fragen, auf die einzugehen notwendig ist. Schlagworte wie »Ehre«, »Familie« und »Schande« sind schon häufig gefallen. Jetzt ist es an der Zeit, hinter die äußeren Züge der ›anderen‹ zu schauen und dem bekannten Gesicht etwas neues hinzuzufügen. Turhan setzt leider genau da an, wo schon andere vor ihm angefangen haben. So entwickelt sich der Film zu einer Schwarz-Weiß-Malerei in Gut und Böse, die nicht nach tieferen Beweggründen sucht. Ohne einen Blick dahinter formulieren die unmotivierten Bilder in TV-Ästhetik stark mit Klischees aufgeladene Interessenkonflikte.

Schließlich wird der Ehrenmord nicht verübt, weil der potentielle Mörder von der Frau, die er liebt, daran gehindert wird. Angesichts der brutalen Realität ist diese Wendung aus dramaturgischer Sicht eine erschreckend schlichte Lösung. Nur in der Schlußszene gibt es so etwas wie einen mutigen Ansatz: Die Montage läßt den Zuschauer im Unklaren, ob sich die unabhängige und moderne Ayla am Ende womöglich doch noch für den zerrissenen Ayhan entscheiden könnte, der kurz zuvor fast seine eigene Schwester umgebracht hätte. Davon hätte es allerdings weitaus mehr gebraucht, damit Ayla sich nicht in der Belanglosigkeit verliert. 2010-04-29 17:43

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #58.
© 2012, Schnitt Online

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