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Lychener 64

D 2010. R,K,S: Jakob Rühle. B: Fabio Dondero. S: Teresina Moscatiello, Jörg Schreyer. M: Hayden Chrisholm. P: Sinafilm, rbb.
84 Min. Sinafilm ab 22.4.10

Bis zum bitteren Ende

Von Gerrit Booms Wenn sich das Viertel verändert; wenn Häuser und Wohnungen gezielt restauriert, umgebaut und saniert werden, um anschließend zu höheren Preisen vermietet zu werden; wenn die einkommensschwächere Bevölkerung so zunächst aus ihren Wohnungen und dann aus dem gesamten Viertel gedrängt wird – dann nennt der Volksmund das wohl »Yuppisierung«. Das Viertel wird cool. Die Stadtgeographie findet für dieses Phänomen den Begriff »Gentrifizierung«. Sie beschreibt, aber bewertet es selten. Ganz ähnlich verhält sich Lychener 64 – und wird dadurch ein ganz starkes Stück Dokumentation.

Der Film von Jakob Rühle, Fabio Dondero und Teresina Moscatiello begleitet ein Haus, an der Lychener Straße 64 in Berlin Prenzlauer-Berg. Dort leben Studenten, Abiturienten, Gastronomen, Wissenschaftler, kurz: Lebenskünstler aller Berufs- und Altersklassen im sogenannten Substandard. Das Haus ist baufällig, überall bröckelt und bricht es, alte Wasser- und Gasleitungen haben immer wieder ihre Macken. Doch die Hausgemeinschaft fühlt sich wohl, fühlt sich heimisch. Ein Reservat alternativer und nostalgischer Wohnkultur. Bis die Welle der »behutsamen Stadterneuerung mit partizipativen Prozessen«, wie sie die Sanierer nennen, auch ihren Rückzugsort erfaßt. Es gibt einen neuen Besitzer, es gibt Sanierungspläne, es gibt den Auszugswunsch. Lychener 64 ist vom ersten Brief über den Beginn der Verhandlungen, die ersten Auszüge und den Beginn der Abrissarbeiten bis zur Fertigstellung dabei. Bis zum bitteren Ende.

Mit behutsam eingestreutem Dokumentarmaterial aus der DDR wird der Hype rund um den Prenzlauer-Berg ergründet und gleichzeitig aufgezeigt, daß es schon vor der Einheit ein großes Sanierungsprojekt des Kiezes gab, und das Leben dort auch immer ein Kampf um Wohnraum war. »Sanierung ist halt leichter, wenn man um keine störenden Elemente herumbauen muß«, sagt der neue Besitzer und stellt lächelnd einige (teilweise illegale) Methoden dar, die sich seine Branche so einfallen läßt, um ungewollte Mieter loszuwerden. Den Rohrbruch beispielsweise, durch den für einige Zeit das Wasser abgestellt werden muß und Wohnungen unbewohnbar werden. Ein Schelm, der beim tatsächlichen Rohrbruch Wochen später Böses denkt.

Genau dieser Raum zwischen den Zeilen ist eine große Stärke des Films. Er schafft es, alle Beteiligten zu Wort kommen zu lassen, ihre Ansichten, ihre Ambitionen und Motivationen darzustellen, ohne sie zu kommentieren. Obwohl nahezu alle Bilder im Inneren des Hauses gedreht wurden, sind die Macher doch immer objektive Beobachter. Die Entscheidung liegt ganz allein beim Zuschauer. Durch die bewußte Entscheidung, alle Hausbewohner zu begleiten, vermeiden die Filmer außerdem eine zu große Emotionalisierung. Es wird kein Einzelschicksal hervorgehoben, die gesamte Hausgemeinschaft arbeitet mit dem gleichen Problem. Dadurch gelingt es, in sehr kurzer Zeit, sehr viel Geschehen und Entwicklung einzufangen. Ein Paradebeispiel für Dokumentarfilm-Dramaturgie.

Lychener 64 fragt nach der Selbstbestimmung von Wohnkomfort und der Rolle von Wohnen heute: Geht es darum, sich in eine Gesellschaft einzupassen oder sich einen Rückzugsort zu schaffen? Er fragt nach dem grundgesetzlichen Schutz des Eigentums gegenüber dem Wohl der Allgemeinheit. Er fragt aber auch nach der Flexibilität, Veränderungen zu akzeptieren und nach der Solidarität (nicht umsonst schreiben die Bewohner bei ihrer Auszugsparty »Es lebe der Bauarbeiter« an die Wand). Gleichzeitig ist er kein Film über einen Kampf. Er ist kein Film über Protest oder Rechtsstreitigkeiten. Lychener 64 ist ein Film über ganz normale Prozesse dieses Landes, täglich und fortschreitend zu beobachten in Berlin, Köln, Hamburg, München, Münster, Bremen, Dresden oder Düsseldorf. Zu beobachten, aber vielleicht nicht zu dulden. 2010-04-23 12:29
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