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Auf der anderen Seite der Leinwand – 100 Jahre Moviemento

D 2009. R,B: Bernd Sobolla. K: Francisco Dominguez, Peter Domsch, Markus Otto, Udo Röben, Manuel Zimmer. S: Udo Röben. M: Mark Collinson. P: Bernd Sobolla Produktion.
82 Min. BV kommunale Filmarbeit ab 29.4.10

Im besten Sinne anders

Von Elena Meilicke Wie sehr sich die Sehgewohnheiten, das Publikum, der Filmmarkt in den vergangenen zehn, zwanzig Jahren verändert haben und wie prekär darüber die Lage vieler Kinos geworden ist, das alles wird vielleicht daran sichtbar, daß mittlerweile eine Art Historisierungsbewegung eingesetzt hat. So präsentiert die Astor Film Lounge am Berliner Ku’damm eine wehmütig machende Ausstellung von Schwarz-Weiß-Aufnahmen einstiger Berliner Kinopaläste. Und die Film Lounge selbst – »das erste Premiumkino Deutschlands« (O-Ton Website) – ist der Versuch, dem Kinobesuch ein wenig Pracht und Glamour zurückzugeben: für ein recht hohes Eintrittsgeld kann man sich hier unter der pastellfarbenen Muscheldecke aus den 1950er Jahren in vergangene Prä-Multiplex-Tage träumen. Inhaber der Astor Film Lounge ist übrigens Hans-Joachim Flebbe, »Multiplex-Pionier« und Mitbegründer der Cinemaxx-Gesellschaft.

Einen anderen Weg in eine andere Kino-Vergangenheit in einem anderen Winkel Berlins schlägt der Dokumentarfilm Auf der anderen Seite der Leinwand – 100 Jahre Moviemento von Bernd Sobolla ein. Sobollas Portrait der Kreuzberger Kino-Institution Moviemento ist ein liebevoller Film über ein düsteres, kleines Kino. Denn in Hinsicht der Ausstattung ist das Moviemento eher kein »Premiumkino Deutschlands«: zu unbequem sind die Sitze, zu aufdringlich ist der Straßenlärm, der vom Kottbusser Damm in die Kinosäle dringt. Umso aufregender ist die Geschichte des Kinos, die Sobolla mit Hilfe von Zeitzeugen-Interviews erzählt. Es entsteht ein Mosaik aus kleinen Anekdoten und Begebenheiten, eine Oral History des Kinos.

Gegründet 1907 durch Alfred Topp im ersten Stock eines Wohnhauses, ist das Moviemento das älteste deutsche Kino, das durchgehend bis heute in Betrieb ist. In den 1970er Jahren übernahm Manfred Salzgeber das Filmhaus und konzipierte es als »kritisches Volksfilmtheater für den Bezirk«, als Programmkino, das ausdrücklich nicht nur Studenten erreichen wollte. Das zumindest gelang: das damals unter dem Namen Tali laufende Kino wurde nicht nur Ort intellektueller Cinephilie, sondern auch Zentrum von Kreuzberger Szene und Subkultur.

Den Abschnitt zwischen den späten 1970er und frühen 1980er Jahren behandelt Auf der anderen Seite der Leinwand besonders ausführlich, denn auf ihnen gründet der Mythos Moviemento: Wieland Speck und Elser Maxwell (der Manager von »Ton, Steine, Scherben«) machen Kino und Blixa Bargeld sitzt an der Kasse. Düster und herunterkommen muß das Tali Anfang der 1980er Jahre gewesen sein, ein richtiges »Koks-Kino«. Queere Theatergruppen aus London und New York gastieren und auf der Leinwand flackert jetzt immer öfter die Rocky Horror Picture Show. Das Tali wird zur Kult-Filmstätte und gerät an die Grenzen des Irrsinns, mit jugendlichen Kinojüngern im Ganzkörperkostüm, die sich neben die Leinwand stellen und Dialoge mitsprechen: Kino als Spektakel. Ein säuerlich lächelnder Blixa Bargeld erinnert sich, wie der allabendlich verstreute Reis aufquoll und die Kinositze aus ihrer Verankerung zu sprengen drohte. Ein wenig hat vielleicht die Reputation des Tali als ernstzunehmendes Programmkino gelitten, zumindest aber spielte die Rocky Horror Picture Show eine Menge Geld ein und ermöglichte so die Fortführung des Kinobetriebs.

Eine neue Epoche bricht Mitte der 1980er Jahre an: das Tali heißt jetzt Moviemento, Tom Tykwer programmiert und Dani Levys erster Film Du mich auch – roughes Schwarz-Weiß im No-Wave-Look – läuft wochenlang vor ausverkauftem Haus. Das Moviemento fungiert als Forum für unbekannte Filmemacher und als Kontaktbörse, die Einfluß auf die jüngere deutsche Filmgeschichte hat: Levy, Tykwer und Stefan Arndt, Mitbegründer der umtriebigen Produktionsfirma X-Filme, treffen hier aufeinander.

Inhaltlich ist Auf der anderen Seite der Leinwand – 100 Jahre Moviemento spannend, formal und erzähltechnisch aber macht der Film nicht die allergrößten Sprünge. Besonders die Montage, die an manchen Stellen mitten in Sätze von Interviewpartnern hineinschneidet, wirkt ein wenig unausgegoren und hektisch. Genau in dieser Unfertigkeit aber atmet Sobollas kleine Kino-Chronik, die ganz ohne Filmförderung und ohne Produzenten hergestellt wurde, etwas von jenem DIY-Spirit, den auch das Moviemento selbst verkörpert. Sie ist so »schön« wie die drei Akkorde im Punkrock und genau in diesem Sinne die beste Hommage an eine andere Art Premiumkino. 2010-04-23 17:52
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