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I love you Phillip Morris

USA 2009. R,B: Glenn Ficarra, John Requa. K: Xavier Pérez Grobet. S: Thomas J. Nordberg. M: Nick Urata. P: Europa Corp., Mad Chance. D: Jim Carrey, Ewan McGregor, Leslie Mann, Rodrigo Santoro, Jessica Heap, David Jensen, Antoni Corone, Morgana Shaw u.a.
97 Min. Alamode ab 29.4.10

Wer macht wem was vor?

Von Martin Wolkner Niemand anderes als Jim Carrey spielt die Hauptrolle in dieser flotten und wechselhaften Komödienfarce – Jim Carrey, bei dem man nie ganz sicher sein kann, ob er sich mit seiner Grimassenschneiderei und seinem schelmischen Grinsen über sich selbst, seine Filmrolle oder sein Publikum lustig macht. Hier darf er sich als gewiefter Hochstapler Steven Russell (basierend auf einer real existierenden Person) hemmungslos austoben, wenn auch nicht ganz in Ace Ventura-Manier. Nicht nur sein Filmcharakter führt mit seinen Betrügereien Banken, Versicherungen, Gefängniswärter und Gerichte hinters Licht, auch versucht die Handlung, den Zuschauer das ein oder andere Mal in die Irre zu führen.

Anfangs macht der übertrieben ironische Ton noch deutlich, daß die Lage anders ist als es den Anschein macht. Nach einem Autounfall verläßt der Vorzeigehetero Russell unversehens Frau und Kinder, um in Miami ein schwules Luxusleben zu führen. Weil er das Geld dafür gar nicht besitzt, betrügt er schamlos und landet folglich im Gefängnis, wo er sich in den titelgebenden Phillip Morris verliebt. Dieser ist ein naives Blondchen, das Ewan McGregor noch weitaus tumber spielt als damals den Major Zip Martin in Down with Love. Auch wenn der gutmütige Morris Russells Angebeteter ist, macht er diesem skrupellos etwas vor. So gut Russell es auch meint, das Betrügen kann er nicht lassen – ebenso wenig wie Carrey das Flunkern und Blödeln.

Komödiantisch ist dies (neben dem Tempo) eine der Stärken des Gaunerfilms. Intellektuell hingegen eine seiner großen Schwächen, denn dieser ironische Ton wird selbst in den späteren romantischeren oder dramatischen Momenten nicht aufgegeben, was den Zuschauer verunsichert. Ist Russells Zuneigung für Morris überhaupt ernst oder auch nur eine Posse? Auch andere Aspekte der Darstellung von Homosexualität irritieren. Auf der einen Seite treiben die beiden Autoren und Regisseure Ficarra und Requa sowie ihre Hauptdarsteller jedes Klischee und jeden Stereotyp auf die Spitze. Ganz reaktionär wird Homosexualität mit selbstzerstörischem oder krankhaft-kriminellem Verhalten in Verbindung gebracht. Auf der anderen spielt sie für die Gaunergeschichte eine ganz beiläufige und unproblematische Rolle. Selbst im texanischen Gefängnis begegnen Russell und Morris keiner homophoben Gewalt. Einem ähnlich selbstverständlichen Umgang mit dieser Thematik begegnet man nur selten in anderen Filmen.

Weil aber der farcig-ironische Ton – oder ist er teils schon sarkastisch? – über allem liegt, weiß das Publikum nicht, ob sich der Film über sich selbst, die Geschichte oder den Zuschauer lustig macht. Und wenn, bekommt der heterosexuelle Zuschauer für seine Vorurteile und Ablehnung das Fett weg? Oder macht der Film nicht letztendlich und respektlos all seine Scherze auf Kosten des schwulen Publikums? Manchmal weiß man gar nicht recht, ob man über diese Witze überhaupt lachen darf. Zum Ende macht es den Eindruck, daß der Film das Ruder herumreißt und eine positive Wendung bekommt. Weil aber auch dies von Carreys Grinsen überzeichnet ist, bleibt die Ungewißheit, welcher Aspekt in dieser Farce eigentlich persifliert wird und wer wem was vormacht. 2010-04-30 11:12

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