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Kick-Ass

USA 2010. R,B: Matthew Vaughn. B: Jane Goldman. K: Benjamin Davis. S: Jon Harris, Pietro Scalia, Eddie Hamilton. M: Ilan Eshkeri. P: Plan B Entertainment, Marv Films. D: Aaron Johnson, Christopher Mintz-Plasse, Mark Strong, Chloë Grace Moretz, Omari Hardwick, Xander Berkeley, Michael Rispoli, Clark Duke u.a.
117 Min. Universal ab 22.4.10

Selber Stigma!

Von Alexander Scholz Im Fernsehen beginnt die Sondersendung, der Live-Stream im Internet ist eingerichtet. Was hier auf der Kinoleinwand zu sehen ist, ist die Exekution von zwei Männern, die sich entschieden haben, Superhelden zu werden. Der eine der pathetischen Stimme in seinem Ohr gehorchend, die erfahrungsgemäß immer ganz gut als Motivationsgrundlage zum Superheldentum funktioniert. Der andere als Kompensationsleistung, um die laut rufenden Stimmen seiner Hormone zu übertönen. Die Voraussetzungen zum guten Comichelden in zwei Figuren, die bald das Zeitliche segnen werden, repräsentiert: eine bedeutungsschwangere Vorbestimmung hier, ein kaum erwecktes, schon verhängnisvolles Verhältnis zum ach so schwachen Geschlecht dort und? Etwas fehlt, um den Katalog der Grundvoraussetzungen zu komplettieren. Etwas drittes, für Ästhetik und Handlung des klassischen Superheldencomics zwar elementares, aber selten so explizit ausformuliertes: ein Kind. Dieses betritt nun schlagartig die Szenerie und räumt publikums- und (im doppelten Sinne) medienwirksam auf. Hit Girl stellt in dem spärlich beleuchteten Raum ein stroboskopisches Licht auf, um ihre Gegner zu irritieren und vermöbelt selbige solange, bis es dramaturgisch unausweichlich ist, die beiden Kollegen zu befreien. Regisseur Matthew Vaughn verordnet dazu eine extreme Slow Motion, was zur Folge hat, daß man auf der Leinwand fast einen klassischen Comicstrip verfolgt.

Es sind genau diese tradierten Vorstellungen des Comics als zeitlich linear im Raum verlaufende, einigen überholten Vorstellungen vom Film darin nicht ganz unähnliche Kunst, die in Kick-Ass parodiert und zitiert werden. Ebenso tradiert ist die Infantilisierung des Comics. Dieser wird – obwohl beim Superheldenthema wohl nicht ganz so fehl am Platze wie sonst – eben jenes Hit Girl als besonders brutales und unmoralisches kleines Mädchen entgegengesetzt. Sich äußerst vulgär artikulierend, kämpft der Dreikäsehoch dem Protagonisten den Rang ab und treibt dabei alle Superheldenstigmata auf die Spitze, um sie gleichzeitig ad absurdum zu führen. Diese wohl austarierte Persiflage gelingt Vaughn bei der Ausgestaltung seines Protagonisten nicht. Dave Lizewski, der sich später selbst zu Kick-Ass beruft, ist zwar eigentlich prädestiniert dazu, die sich anbietende Überhöhung des Rollentypus des pubertierenden Comicshop Nerds auszugestalten, scheitert als Figur jedoch an einem ganz anderen Klischee. Leider muß Lizewski zu dieser Art Teenager aus fast verdrängten amerikanischen Komödien gehören, die eigentlich ganz normal sind und deswegen erst zum peinlichen Loser stilisiert werden müssen, um dann den glorreichen Weg zum pickelfreien, folglich angesehenen, folglich deflorierten High-School Kid gehen zu können. Die Entscheidung, auch noch die Codes dieser klamaukigen Coming-of-Age Tradition unterlaufen zu wollen (»My only superpower was being invisible to girls«), läßt Kick-Ass teilweise etwas langatmig wirken und legt die Vermutung nahe, der Idenpendetproduktion sei es um einen parodistischen Rundumschlag gegangen. Das intelligent platzierte, extradiegetische Comicmaterial sowie der austarierte Rhythmus aus harten und Continuity Schnitten nehmen das Tempo aber mühelos wieder auf und zerstreuen solch üble Vermutungen recht schnell.

Das hohe Tempo bedingt zudem, daß man kaum Zeit findet über die moralischen Implikationen von Kick-Ass' Handeln zu sinnieren. Er will nicht wegschauen, sondern einschreiten, er ermutigt seine Mitmenschen, das Handy dazu zu nutzen, die Cops zu rufen, statt ein Video der Prügelei zu machen und appelliert stets an den Respekt voreinander – so weit so superheldenkonform. Daß er damit gnadenlos scheitert und sich dann doch lieber in die hochgerüstete Obhut zweier etablierter Kollegen begibt, wirft ein vertrautes Licht auf eine leidige Debatte. Zum Glück gehören diese Momente zu jenen, in denen sich der Film ein wenig zurücknimmt, um aus den kalkuliert beschworenen Ernst mit noch mehr Witz auszubrechen und dabei seine stärksten Momente zu haben – gerne auch auf Kosten von Genrevorarbeitern wie Batman oder Spiderman. Hier wird nicht moralisiert, stattdessen werden Codes der Moral angedeutet und durch Codes der ästhetisierten Comicgewalt sofort hinweggefegt – auch hier: treffend gattungstypisch.

Der Böse ist in Kick-Ass erkennbar selten wirklich Gangsterboss Frank D'Amico, sondern eher Mark Millar, der Autor der beißend ironischen Vorlage. Matthew Vaughn ist sich dieses Umstandes augenscheinlich bewußt und hängt Bösewicht D'Amico deswegen gleich zwei »Gun«-Bilder von Andy Warhol ins Büro – Pop-Art-Reminiszenz und darin gleichzeitig mokanter Kommentar zur angeblichen Trivialität der Comicstoffe. Dieses Stigma wird in Kick-Ass nicht nur zurückgewiesen, sondern in seiner Kurzsichtigkeit wesentlich schamloser parodiert als jede Comickonvention. 2010-04-20 13:06

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