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Auf der sicheren Seite

D/A 2009. R,B: Corinna Wichmann. R,K: Lukas Schmid. S: Gesa Marten, Rune Schweitzer. M: Mario Mammone. P: Tag/Traum Film- und Videoproduktion.
80 Min. RealFiction ab 29.4.10

Geschlossene Gesellschaft

Von Sebastian Gosmann Sie tragen wohlklingende Namen wie »Hope Island« oder »Palm Meadows« und werben mit vollmundigen Slogans für all die Annehmlichkeiten, die sie ihren zumeist gut betuchten Bewohnern bieten. Ihr weltweiter Boom ist ein Phänomen unserer Zeit, ein Gegentrend zur Globalisierung. Ihre Existenz kündet von einem zunehmenden Auseinanderdriften der sozialen Schichten, Klassenunterschiede manifestieren sich. Corinna Wichmann und Lukas Schmid versuchen mit ihrem Dokumentarfilm, das Wesen so genannter »Gated Communities« zu ergründen. Sie passierten die gut bewachten Zufahrtsschranken dreier solcher geschlossenen Wohnanlagen und besuchten Menschen, die sich freiwillig für ein Leben hinter hohen Mauern und Elektrozäunen entschieden haben.

Der Film beginnt mit der Ortsbegehung einer für derartige Siedlungen typischen Festungsanlage. Sie steht im Norden Johannesburgs. Angesichts der immens hohen Kriminalitätsrate der Stadt ist hier die Sicherheitsgarantie, die eine »Gated Community« ihren Einwohnern gibt, das schlagende Verkaufsargument. Auf dem Gelände der »Dainfern Golf & Residential Estate« können so rund 5.000 Menschen ungestört ihren Wohlstand genießen, oder, wie es die dort lebende Immobilienmaklerin Brenda Gilbert auf den Punkt bringt: »to enjoy a secure lifestyle«.

Im indischen Bangalore dagegen steht ein gänzlich anderer Aspekt im Vordergrund. R. K. Misra ist dermaßen angenervt von den chaotischen Zuständen in der Stadt, den schlechten Straßen, der überhaupt katastrophalen Infrastruktur, daß er jedes Mal froh ist, wenn er in die Beschaulichkeit des »Palm Meadows Club« zurückkehren darf. Wer kann es ihm verdenken?

In Las Vegas wiederum fehlt es an etwas ganz anderem. Rentner Stacey Standley langweilt sich viel auf dem Gelände der »Spanish Trail Estate«. Soziale Treffpunkte wie Kinderspielplätze oder Hundeauslaufflächen sucht man hier ebenso vergebens wie einen triftigen Grund, an einem lebensfeindlichen Ort wie diesem zu leben. Der Zuschauer spürt, wie sich mit jedem Orts- bzw. Protagonistenwechsel immer auch der eigene Blickwinkel auf das gesellschaftliche Phänomen der »Gated Community« ändert.

Auf der sicheren Seite zeichnet ein überraschend differenziertes Bild dieses Wohntrends. Doch hat man immer wieder das Gefühl, daß die behandelten Themenkomplexe lediglich angerissen, aber nicht hinreichend vertieft werden, und auch die Darstellung der Protagonisten erscheint lückenhaft. Fast könnte man meinen, die Filmemacher hätten versucht, einen Stoff, der das Potential hat, gleich drei spannende Dokumentationen zu füllen, in 90 Minuten zu pressen. Die vielen unbeantwortet gebliebenen Fragen führen am Ende zwangsläufig zu einer gewissen Frustration beim Zuschauer. Dies ist insofern schade, als daß Auf der sicheren Seite – nicht zuletzt durch Lukas Schmids brillante Kameraarbeit – in formaler Hinsicht mehr als gelungen ist. 2010-04-23 12:22

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #58.
© 2012, Schnitt Online

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