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Young Victoria

The Young Victoria. USA 2009. R: Jean-Marc Vallée. B: Julian Fellowes. K: Hagen Bogdanski. S: Jill Bilcock, Matt Garner. M: Ilan Eshkeri. P: GK Films, Initial Entertainment Group. D: Emily Blunt, Rupert Friend, Paul Bettany, Miranda Richardson, Jim Broad- bent, Thomas Kretschmann, Mark Strong, Jesper Christensen u.a.
105 Min. Capelight ab 22.4.10

Portrait of a Queen as a Young Woman

Von Lena Serov Die Vorstellung, die von Queen Victoria im Gedächtnis der Briten existiert, ist die einer um ihren nach 21 Jahren Ehe verstorbenen Ehemann Prinz Albert trauernden Witwe. Die meisten Bilder der Königin, die mehr als 60 Jahre im Amt war und einer ganzen Epoche ihren Namen gab, zeigen eine beleibte, betagte und trüb dreinblickende Monarchin. Anders als der Ende der 1990er Jahre entstandene Film Ihre Majestät Mrs. Brown von John Madden, der eben dieses stoische Bild einer psychologisierenden Ausdeutung unterzog (mit Judi Dench als Queen Victoria), wendet sich das Biopic Young Victoria – wie der Titel schon sagt – von diesem staubigen Image ab und zeigt ihre Jugend- und Blütejahre.

Doch diese sind, wie bei jeder jungen Adligen gelenkt von Fremdbestimmung, Intrigen und Machtkämpfen. Bei Victoria ist das zunächst nicht anders: Ihre Mutter, Herzogin von Kent, und ihr Berater und Manipulator Sir John Conroy halten sie aus Sorge vor möglichen schlechten Einflüssen dem königlichen Hofe fern und lassen nichts unversucht, damit Victoria bei ihrem Amtsantritt beide zu ihren engen Beratern ernennt. Gleichzeitig versuchen ihre Onkel, Einfluß auf sie auszuüben. König Leopold von Belgien bereitet seinen Neffen, Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha, auf die Arrangierung einer ehelichen Verbindung zwischen ihm und Victoria vor, um seine Interessen am Königshaus dabei gesichert zu sehen. Und auch andere Parteien, wie der Premierminister Lord Melbourne buhlen um die Gunst der angehenden Königin. Nach dem Tod von König William darf Victoria endlich – im Alter von 18 Jahren – selbst die Insignien der Macht in den Händen halten und bewegt sich nunmehr ganz selbstbewußt im Machtzirkel um sie herum, nachdem sie ihre Widersacher an den Rand ihres Königreichs verbannt hat. Aber ihr Regieren bleibt nicht ohne eigensinnige Fehltritte: Obwohl das Volk ganz eingenommen ist von seiner neuen Queen, zieht sie dessen Zorn auf sich, als sie sich auf Wunsch des neuen Premierministers Peel weigert, ihre Hofdamen von der Parlamentsregierung stellen zu lassen.

Der Film zeigt sich zunächst ambitioniert darin, die politischen und persönlichen Erzählstrukturen zu verknüpfen, indem eine kontinuierliche Erzählstruktur zugunsten von harten Schnitten und kurzen und knappen Plansequenzen aufgebrochen wird, um damit die Spannungen zwischen den zwei Körpern der Königin zu zeigen: also den Zwiespalt zwischen dem Körper der politischen Funktion und der dahinterstehenden tatsächlichen Person, die die Führung eines Königreichs zu bewältigen und sich damit einem Machtgefüge zu beugen hat.

Young Victoria geht es aber alsbald vielmehr um etwas anderes, wofür die politischen Machtspiele nur noch den äußeren Rahmen bilden: um eine royale Liebesgeschichte sondergleichen. Denn neben der prachtvollen Krönungszeremonie ist die Begegnung mit Prinz Albert das zweite zentrale Ereignis dieses Films. Trotz der Tatsache, daß ihre Verbindung arrangiert ist, verlieben sie sich. Jean Marc-Vallées starke und stimmungsvolle Bilder zelebrieren das moderne Märchen von Victoria und Albert und plazieren die beiden wirklich reizenden Hauptdarsteller, Emily Blunt und Rupert Friend, inmitten einer splendiden fürstlichen Szenerie mit einem prächtigen Kostümdesign – Victoria ist in jeder Szene in einer neuen mondänen Robe zu sehen –, das kürzlich bei den Oscars ausgezeichnet wurde, geschmeidig samtige Dekors und aufwendigen Frisuren und Kopfschmuck.

Das alles ist außerordentlich schön anzusehen, vor allem aber zu schön, um wahr zu sein, wozu der leitmotivische, üppige Score das Seinige beiträgt. Aber gerade wegen seiner Perfektion ist Young Victoria nicht wirklich herausragend. Mag der Film auch seine dienstälteste Queen von ihrem muffigen Gothic image befreit und ihr ein romantisches aufgesetzt haben, aber er hat es nicht geschafft dieser herausfordernden Hauptfigur einen ebenbürtigen Kontrahenten gegenüber zu stellen oder über den goldenen Tellerrand des Hofes hinaus in das zeitgenössische England und seinen zahlreichen Umwälzungen zu blicken, was ja möglicherweise die spannendere Geschichte gewesen wäre. 2010-04-16 14:43

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