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Vorsicht Sehnsucht

Les herbes folles. F/I 2009. R: Alain Resnais. B: Alex Reval, Laurent Herbiet. K: Eric Gautier. S: Hervé de Luze. M: Mark Snow. P: F comme Film, BIM Distribuzione. D: Sabine Azéma, André Dussollier, Anne Consigny, Emmanuelle Devos, Matthieu Amalric, Sandrine Bonnaire, Edouard Baer, Annie Cordy u.a.
104 Min. Schwarz-Weiss ab 22.4.10

Da geht de Luze ab

Von Thomas Warnecke Ob die aus Angst vor illegaler Vervielfältigung die Ansichts-DVDs für die Presse absichtlich etwas unscharf machen? Ich vermute im Fall von Alain Resnais’ neuestem Film mal: nein. Und falls Eric Gautier doch keine Weichzeichner oder Farbfilter verwendet hat, gibt die Beschreibung meines Seheindrucks zumindest doch treffende Metaphern her: Matt und milchig scheint der Film, unscharf die Figuren, auch deshalb, weil sie oft vor dem Licht der Szene stehen und so im und mit dem Bild verschwimmen. Nachlassende Sehschärfe ist ja eine bei Pragmatikern beliebte Erklärung für manche Spätwerke der bildenden Kunst (z.B. Monet, Degas), auch an den pastosen, sichtbaren Pinselstrichen bei den späten Tizian und Rembrandt kann man denken – muß man aber nicht. Der Comic-Fan Resnais hat sich jedenfalls nicht von der Ligne claire inspirieren lassen. Eher lösen sich ganze Einstellungen – insbesondere die allerdings bezaubernde Studioszenerie vor dem Kino – in Primärfarben und -kontraste auf. Die ästhetische Überformung der Handlung ist ein Hauptkennzeichen von Resnais; im Unterschied zu früheren Filmen ist hier allerdings sehr wenig, das zum Verschwinden gebracht werden könnte.

Es beginnt bestens, mit Frauenbeinen nämlich, die vorzugsweise in eleganten Schuhen enden. Nach dem Schuhkauf wird Sabine Azéma die Handtasche gestohlen, André Dussollier findet das Portemonnaie daraus, will die Besitzerin kontaktieren, bringt den Fund dann aber zur Polizei, kommt deswegen aber nicht zur Ruhe. Es kommt zu dem, was man heute und juristisch wohl Stalking nennt, die Geschichte dreht sich, als er sich von ihr zurückzieht, und hüpft und springt und zieht noch ein paar Figuren mit und endet dann ganz egal.

Psychologie spielt – Ehrensache – keine Rolle, dafür sorgen neben Sprüngen schon der Erzählerkommentar und die komischen, lakonischen Dialoge und insbesondere die von Matthieu Amalric und Michel Vuillermoz gegebenen Polizisten, die Fürsorger, Gewissen oder auch Postillons d’amour sind – nur eben keine Polizisten. Es steht das meiste nur für sich: Sabine Azéma ist scheinbar nur deshalb Zahnärztin, weil Zahnbehandlungsszenen automatisch eine starke Emotion bedeuten; auch die immer wichtiger werdenden Flugzeuge – als enigmatische Typbezeichnungen wie tatsächlich vorkommende – fliegen vor allem der Poésie des choses wegen herum. Zusammen mit den leicht fließenden Einstellungen von den (wenigen) Großaufnahmen bis zu den Top shots, die Studio- wie On-location-Szenen zu Spielzeuglandschaften machen, sieht der Film zum einen wie ein sich ausprobierender Debütfilm aus, andererseits und eingedenk des 87jährigen Autors wie das Werk eines alten Mannes, der seinen Setzkasten durcheinanderwirbelt und noch einmal neu einräumt. Nicht nur darin ein wenig ein später Nachhall von Die fabel- hafte Welt der Amélie – doch wiederum eingedenk Alters und Oeuvres und vergleicht man Vorsicht Sehnsucht mit den Filmen Jean-Pierre Jeunets, ist man erstaunt, wie wenig Resnais im Setzkasten hat.

Es sind nur einzelne Momente und Gags, denen gelingt, was Resnais hier wohl ausschließlich will: zu unterhalten. Was aber sentimental und milchig-bunt zugedeckt scheint und den dann doch in Maßen anrührenden Kern des Films ausmacht, ist eine leicht impotente Traurigkeit: Daß da mal etwas war, das Begehren hieß, und daß sich das doch irgendwie einstellen müßte, aber keiner weiß mehr genau, wie das geht. Leiden schafft nur noch der Zahnbohrer. Dussollier sieht sich einmal einen Kriegs- und Fliegerfilm an, Die Brücken von Toko-Ri, den Resnais bis heute nicht gesehen zu haben behauptet, und er kann belegen, daß ihn auch der Autor der Romanvorlage Christian Gailly nicht kennt. Einige Bilder dieses Films sind in Vorsicht Sehnsucht übergeblendet. Nach dem Kino im Café sagt Dussollier zu Azéma, daß ihn das Wiedersehen dieser Kinderkinoerinnerung nicht berührt habe. Die 20th Century Fox-Fanfare, die Mark Snows kuscheljazzigen Score gelegentlich unterbricht, tönt einmal wirklich zum ganz kinogemäßen und auch eingeblendeten »Fin«, doch der Film geht weiter. Nur ganz fern grüßt der Surrealismus. Was noch bleibt, ist ein Toilettenfehler. 2010-04-16 12:07

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