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vincent will meer

D 2010. R: Ralf Huettner. B: Florian David Fitz. K: Andreas Berger. S: Kai Schröter. P: OLGA-Film. D: Florian David Fritz, Karoline Herfurth, Heino Ferch, Johannes Allmayer, Katharina Müller-Elmau.
96 Min. Constantin ab 22.4.10

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Von Sarah Sander Was bringt einen gutaussehenden jungen Schauspieler dazu, sich als erste selbst- bestimmte Rolle einen Typen mit Tourette-Syndrom auf den Leib zu schreiben? Wie kommt man auf diese Rollenwahl? Florian David Fitz, der in seiner Vita von Kloppereien mit der Schwester, von in Zahnputzbechern aufgefangenem Nasenblut, von seinen geklebten Scheiteln und peinlich weißen Söckchen in Sandalen schreibt, von drogenabhängigen Fagottisten und grenzdebilen Schnarchern als Zimmergenossen beim Schauspielstudium in Boston, von dicken Kolleginnen und seinem Spaß am Schubsen – und dabei immer wieder eine Faszination für geniale Freaks oder freakige Genies zeigt (für Kaspar Hauser, über den er sein erstes [halbes] Musical schrieb oder Vincent van Gogh, auf dessen Gemälde er einen fettigen Fingerabdruck hinterließ, was ihn mit Stolz zu erfüllen scheint) – Florian David Fitz also, der für vincent will meer sein erstes Drehbuch geschrieben hat (und eben auch die Hauptrolle spielt), meint, sein Faible fürs Rotzige, Randständige, Uncoole sei doch eigentlich ganz normal – nur zeigen Schauspieler sich in der Regel eben nicht gerne so. Zudem sei die Geschichte von vincent will meer einfach die Geschichte gewesen, die er erzählen wollte; eine Geschichte vom Erwachsenwerden unter erschwerten Bedingungen, vom zu sich selbst finden durch extreme Konfrontation. Und die Charaktere, die selbst weder Mitleid noch wirkliches Verständnis füreinander haben, hätten es ihm erlaubt, diese Geschichte ohne politische Korrektheit zu inszenieren – und trotzdem nicht die Not der Figuren aus dem Blick zu verlieren.

Vincent ist ein ganz normaler, gutaussehender Typ, der jedoch immer, wenn er aufgeregt ist, spastische Ausfälle bekommt; Marie ein süßes, selbstbewußtes Mädchen, das einfach nicht essen will; und Alex ein kleiner Spießer, dessen Kontrollwahn ihn zum Zinnsoldaten macht. Gemeinsam brechen sie aus der Klinik, aus dem Regelwerk der Anstalt und der Stadt aus – und machen sich auf den Weg zum Meer. Ein Road Movie im Rückspiegel der Spätmoderne, ein Film im Zeichen der Rückkehr zur Sehnsucht nach Eigentlichkeit. Die Blicke aus dem Autofenster, der darüber rinnende Regen, die Musik – unverkennbare Genreelemente, die die vorbeiziehende Landschaft als Bild einer inneren Reise lesen lassen. Der Ausbruch aus der Klinik ist bebildert von Krankenhausfluren und sterilen Zimmern, von Speisesälen und Pförtnerhäuschen, die langsam sonnigen Landstraßen und verregneten Holzwegen weichen, einer Irrfahrt kreuz und quer durch Süddeutschland, an Tankstellen und Bauernhöfen vorbei, wo die Not zur Mutter von Selbstbewußtsein wird. Auf der Suche nach dem Meer wird der Weg zum sprichwörtlichen Ziel. Die Klimax: die Gipfelbesteigung, das überwundene Hindernis. Dort oben auf der Alm, im fast schon übertrieben grünen Gras, scheint die Sonne vor strahlendem Blau und plötzlich ist alles gut – Alex hat das benötigte Geld, Marie ißt zum ersten Mal und Vincent ist erstaunlich entspannt; gemeinsam schaukeln sie auf dem Gipfelkreuz mit den Beinen, während die Kamera sie in schwindelnder Höhe umkreist – so daß es nicht weiter erstaunt, daß es danach bergab gehen muß… Doch so standardisiert auch der Aufbau, so metaphorisch eindeutig die Dramaturgie und so seicht manches Komödienelement – die traurig-trotzig-sympathischen Randgestalten, mit all ihren schrägen Ticks, retten den Film vor dem Genreklischee.

Vincents selbstverständliche Coolness, die immer wieder in Kollision mit seinen Aus-Ticks gerät, Alex’ spießige Zwangsneurose, die im selben Maße verständlich wie liebenswert wird und Maries eigenartige Empathie, die nur scheinbar im Gegensatz zu ihrer krankhaften Egozentrik steht, machen vincent will meer zu einem traurigen und lässigen Road Movie. Eine Autofahrt in die Freundschaft, ein Roadtrip zu sich selbst, zu seinen Vorurteilen und seinen Sympathien. Und am Ende sind sich alle ein bißchen näher: Vincent und Alex, Alex und Marie, Vincents Vater und die behandelnde Ärztin, Vincent sich selbst, seinem Vater, Alex und natürlich auch Marie. Und auch der Zuschauer ist all ihnen ein bißchen näher – allein schon weil die Kamera ihn ständig in eins der beiden Autos versetzt hat, mit denen die drei Klinikausbrecher und ihre Verfolger auf dem Weg zu wasauchimmer sind. 2010-04-19 10:55

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