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Min Dît – Die Kinder Von Diyarbakir

Min Dît. D/TR 2009. R,B,S: Miraz Bezar. K: Isabelle Casez. M: Mustafa Biber. P: Bezar Film. D: Muhammed Al, Berîvan Ayaz, Suzan Ilir, Hakan Karsak, Senay Orak, Fahriye Çelik, Alisan Önlü, Mehmet Inci, Çekdar Korkusuz, Recep Özer u.a.
102 Min. Mîtosfilm ab 22.4.10

Ein Sesamkringel voller Hoffnung

Von Martin Wertenbruch DTP, PKK, Öcalan: Die sogenannte »Kurdenfrage« ruft Assoziationen zu politischer Verfolgung, Verletzungen der Menschenrechte und territoriale Konflikte hervor. Der Umgang des türkischen Staates mit seiner größten ethnischen Minderheit führt seit Jahrzehnten immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, wie zuletzt im Dezember vergangenen Jahres, nachdem mit der DTP die größte kurdische Partei verboten worden war. Die Bilder, die uns über die Nachrichten erreichen, zeigen dabei meist Erwachsene. Aber was ist mit den Kindern? Was bekommen wir von ihnen zu sehen? Und wichtiger noch: Was müssen sie selbst mitansehen?

Der türkischstämmige dffb-Absolvent Miraz Bezar ist nach Diyarbakır gegangen und hat dort die Perspektive von Kindern in einem Klima aus Repression, politischer und ethnischer Verfolgung eingenommen. In Min Dît (dt.: vor meinen Augen) wird die Geschichte von dem Mädchen Gulîstan und ihrem Bruder Firat erzählt, deren Eltern vor ihren Augen durch einen türkischen Geheimpolizisten erschossen werden. In Folge landen die mittellosen Kinder auf den Straßen der ostanatolischen Millionenstadt, wo sie sich mehr schlecht als recht über Wasser halten können. Als sie eines Tages dem Mörder ihrer Eltern über den Weg laufen, beschließen sie zu handeln.

In seinem Langfilmdebüt verknüpft Miraz Bezar auf eindringliche Weise die ungeschönten Verhältnisse Diyarbakırs mit einem kurdischen Märchen. Für die Protagonisten bedeutet es tröstende Erinnerung an die verstorbene Mutter und zugleich Vermächtnis und Motivation, einen neuen, hoffnungsvollen und gewaltlosen Weg einzuschlagen. Der Zuschauer bekommt eine kleine Portion der bildhaften, poetischen kurdischen Sprache serviert, deren Gebrauch dort nach wie vor unerwünscht bis verboten ist.

Der Film ist mit digitaler Kamera gedreht, Licht und Ton unaufgeregt gelöst. Sämtliche Darsteller sind Laien. Das bringt mitunter eine leicht holprige Spielweise mit sich, aber man gewöhnt sich schnell an das überzeugende wie überschaubare Ensemble. Inszenierte Sequenzen werden mit dokumentarisch anmutenden Aufnahmen konterkariert, was eine besondere, in sich schlüssige, filmische Form ergibt. Einzig das Geschwisterbaby wäre dramaturgisch nicht notwendig gewesen, denn der Film weiß auch so zu berühren.

Miraz Bezar ist mit überschaubarem Budget ein eindringlicher Film gelungen, der auf emotionale Weise auf die Schicksale vieler Menschen und ihnen widerfahrenes Unrecht aufmerksam macht. Dabei wird Stellung bezogen, ohne pauschal gegen die dominante türkische Kultur zu polarisieren. 2010-04-19 10:44

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #58.
© 2012, Schnitt Online

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