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Chloe

USA/CDN 2009. R: Atom Egoyan. B: Erin Cressida Wilson. K: Paul Sarossy. S: Susan Shipton. M: Mychael Danna. P: The Montecito Picture Company, StudioCanal. D: Liam Neeson, Amanda Seyfried, Julianne Moore, Laura DeCarteret, Max Thieriot, Nina Dobrev, Mishu Vellani u.a.
96 Min. Kinowelt ab 22.4.10

Mit Eifer gesuchtes Leid

Von Cornelis Hähnel Die Eifersucht ist so eine Sache für sich. Auf der einen Seite ist sie die Basis einer gesunden Skepsis gegenüber kopflosem Urvertrauen und in geringen Dosen sogar ein charmantes und schmeichelndes Kompliment an den Partner. Andererseits ist sie eine stete Quelle selbstgesuchter Qual und ständiger Konflikte und mündet in alles zermalmende Übergriffigkeit und gleichzeitige Selbstaufgabe. Denn wenn Eifersucht zur Besessenheit wird, werden die eigenen Geister unruhig und jeder Blick, jede Geste und jeder Satz des anderen wird zum verräterischen Indiz, und die daraus resultierende Hypersensibilität zerschlägt früher oder später – dank ihrer ätzenden Penetranz – jede noch so stabile Beziehung.

Mit diesem Problem sieht sich auch plötzlich die erfolgreiche Ärztin Catherine konfrontiert. An seinem Geburtstag verpaßt ihr Ehemann David plötzlich seinen Flieger und somit auch seine Überraschungsparty. Sie ist irritiert, aber nicht besorgt. Trotzdem schaut sie am nächsten Tag in sein Handy. Eine SMS von einer fremden Frau, ein Dank für einen schönen Abend. Beunruhigt beginnt sie, den gemeinsamen Alltag mit anderen Augen zu lesen. Die von ihr sonst so an David geschätzte Höflichkeit und sein Charme werden plötzlich zum hemmungslosen Flirten, der ungezwungene Kontakt zu seinen Studenten eine ewige Verlockung der Jugend. In ihrer Verzweiflung setzt sie die junge Prostituierte Chloe auf David an, um seine Treue zu testen. Bei jedem Treffen berichtet Chloe immer mehr intime Details, jedes Mal ist sie einen Schritt weiter gegangen. Catherine ist von den Geständnissen sowohl schockiert als auch fasziniert, doch als sie das heimliche Spiel beenden will, hat es bereits ein unkontrollierbares Eigenleben entwickelt.

Der kanadische Regisseur Atom Egoyan, der bislang bei all seinen 13 Filmprojekten für Stoff und Drehbuch verantwortlich zeichnete (einzig Felicia, mein Engel und Wahre Lügen basierten auf Romanvorlagen), liefert mit Chloe sein erstes Remake ab. Der Film basiert auf Nathalie – Wen liebst du heute Nacht? von Anne Fontaine. Wo 2003 Fanny Ardant und Gérard Depardieu der ewig lüsternen Emmanuelle Béart erlagen, entspinnt sich das bizarre Liebesdreieck nun um Julianne Moore, Liam Neeson und Amanda Seyfried. Warum sich Egoyan bei seinem ersten kreativen Fremdgehen allerdings für diese Vorlage entschieden hat, bleibt rätselhaft, zumal bei ihm als Autorenfilmer nicht das gängige Argument »Wir machen Geld mit einer englischen Version einer europäischen Produktion« geltend gemacht werden kann. Fakt ist allerdings, daß seine Ausflüge in die Gedankenwelten anderer nicht die ertragreichsten sind. Wo er noch mit seinem letzten Film Simons Geheimnis beweisen konnte, ein Meister der Zwischentöne und des dialektischen Feingefühls zu sein, verliert er sich bei Chloe in einer zu geradlinigen und verallgemeinernden Kausalkette. Zwar offeriert er immer wieder überraschende Wendungen und läßt Chloe nornenhaft ihr perfides Schicksalsnetz spinnen, doch zu eindimensional geht Catherine an ihrer Eifersucht zugrunde. Vor allem die erotische Faszination, mit der sie den Erzählungen von Chloe lauscht, die wie Scheherazade durch ihre detailgenaue Schilderung ihren Part in diesem Dreigespann um jeden Preis am Leben erhalten will, entwickelt nicht die potentielle emotionale Ambivalenz und bleibt letztlich nicht nachvollziehbar. Doch dies liegt an der schon im Original nicht funktionierenden, da letztlich zu konstruierten Geschichte.

Das ist umso bedauerlicher, weil Egoyan erneut sein inszenatorisches Talent unter Beweis stellt. Mit geschickter Leichtigkeit behält er die Kontrolle über das komplexe Beziehungsgeflecht, keine der Figuren mag ihm dramaturgisch entwischen. Und doch bleibt dem Zuschauer die Identifikation seltsam verwehrt. Das mag auch an den zwar wunderschön fotographierten, aber doch seltsam steril anmutenden Bildern liegen, wobei das Problem sich auch durch das hochglanzpolierte Setting der eleganten Intelligenzija erklären läßt. Zu perfekt, zu stilisiert ist die gesamte Umgebung. Insgesamt erscheint Chloe wie eine Art mattierter Edelstahl: Er ist schön anzusehen, doch darin spiegeln kann man sich nicht. 2010-04-20 09:47

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