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Neukölln Unlimited

D 2010. R,B,S: Agostino Imondi. R,K: Dietmar Ratsch. S: Lars Späth. M: Moritz Denis, Eike Hosenfeld, Tim Stanzel. P: noirfilm, INDI FILM.
99 Min. GMfilms ab 8.4.10

»Kartoffeln mal anders«

Von Cornelis Hähnel Ein Hauch von Panik streift das Antlitz des Medienkonsumenten, sieht er sich allzu plötzlich mit dem Wort Berlin-Neukölln konfrontiert. Sofort setzt sich die Assoziationskette in Gang, Satzfragmente von Pistolenschüssen am helligten Tag und betrunkenen Jogginganzugträgern blitzen ebenso auf wie Bilder von verwahrlosten Hartz-4-Buden, Dosenravioli und fettigen Haaren; von Totschlägern, Butterflymessern und Baseball-Schlägern in den locker sitzenden Hosen halbstarker Jugendlicher, Migrationshintergrund nicht ausgeschlossen. Ein Feuerwerk der Vorurteile, welches – dank medialer Schwarzmalerei – stantepede abgefeiert werden kann. Dabei ist der Problemkiez gar nicht so schlimm wie sein Ruf, geschweige denn sein Abbild. Natürlich decken sich einige Aspekte mit der Realität und eine Lady wird dieser Kiez nie, doch trotz aller Schwierigkeiten, weiß Neukölln seinen Charme zu verbreiten.

Neukölln ist die Heimat der Geschwister Hassan (18 Jahre), Lial (19) und Maradona (14). Sie kommen aus dem Libanon und sind seit 16 Jahren mit befristeter Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland. Vor vier Jahren wurde die Familie zum ersten Mal abgeschoben, an Maradonas neuntem Geburtstag. Seit ihrer Rückkehr nach Berlin droht ihnen eine erneute Abschiebung, trotz Zustimmung der Härtefallkommission. Die beiden Ältesten könnten durch eine Ausbildung eine längerfristige Aufenthaltsgenehmigung erlangen, doch der Rest der Familie muß vielleicht zurück in den Libanon. So hoffen die drei Teenager auf eine deutsche Staatsbürgerschaft. Wenn sie diese haben, würden sie eine »Kartoffelparty« feiern, angelehnt an das Klischee deutscher Eßgewohnheiten, mit einem Büffet sämtlicher Erdäpfel-Variationen. Neben der Familie sind Kreativität und Kunst ein wichtiger Grundpfeiler in ihrem Leben. Hassan widmet sich dem HipHop und dem Streetdance, Lial tanzt bei Constanza Macras Ensemble »Dorky Park« und hat eine eigene Band, und Maradona findet seine Erfüllung im Breakdance. Ein Leben zwischen Behördengängen und internationalen Bühnen.

Neukölln Unlimited präsentiert sich glücklicherweise nicht als sozialpornographische Prekariats-Novela, sondern konzentriert sich auf eine Familie inmitten Berlins am dichtesten bebauten Bezirk. Die Regisseure Agostino Imondi und Dietmar Ratsch schüren dabei nicht das trübe Bild einer No-Go-Area, sondern vertrauen auf die spürbare Energie ihrer Protagonisten. Anstelle fatalistisch, fernsehflimmernder Faulheit ist ihr Alltag geprägt vom Versuch, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. Dies geschieht aber nicht in verklärter Tagträumerei, wie man es so oft bei weltfremden und zugleich talentlosen Talk-Show-Nasen erdulden muß, sondern mit disziplinierter und zielgerichteter Konzentration. Vor allem Hassan und Lial sind aber nicht nur auf den Erfolg erpicht, sondern kümmern sich mit demselben Enthusiasmus um die finanzielle Lage und dem Zusammenhalt der Familie. Doch so wie der kreative Output sich nicht in einer Cinderella-Schmuserei verliert, ist der Kampf um die gemeinsame familiäre Zukunft in Deutschland fernab von Betroffenheitsrealismus. Das Schicksal der jungen Libanesen wird dabei weder heruntergespielt, noch zum alleinigen Fokus. Mithilfe von Animationen visualisieren die Regisseure den Schrecken der Abschiebung, aus dem Off erzählt Hassan über den verhängnisvollen Morgen, immer wieder kehren die Erinnerungen in den alltäglichen Trott und so ergibt sich ein ausgewogenes Portrait, ein Leben zwischen Damoklesschwert und Zuversicht, Hoffnung trotz aller Widrigkeiten und packendem Optimismus. Und vor allem eine spürbare Leidenschaft für Musik und Tanz, welche adäquat und mitreißend im Erzählrhythmus umgesetzt ist. Ein Kleinod aus dem Herzen von Berlins Problemkind Nummer eins und zu Recht mit dem »Gläsernen Bären«, dem Preis der Sektion 14plus, auf der Berlinale 2010 ausgezeichnet. 2010-04-12 11:39

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