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Ander

E 2009. R,B: Roberto Castón. K: Kike López. S: Iván Miñambres. P: Berdindu, Euskal Irrati Telebisa. D: Josean Bengoetxea, Cristhian Esquivel, Mamen Rivera, Pilar Rodriguez, Leire Ucha, Pako Revuelttas, Pedro Otaegi, Eriz Alberdi u.a.
128 Min. Bildkraft ab 15.4.10

Bäuerliche Leidenschaft

Von Martin Wolkner Der zum Klassiker des Queer Cinema avancierte Brokeback Mountain zeigt ganz normale, unaffektierte Männer, die sich nicht durch ihre Neigung definieren und sich ohne den Rückhalt einer Schwulenszene mit ihren Gefühlen auseinandersetzen müssen, verborgen vor ihrem heterosexuellen Umfeld. Der baskische Film Ander verfolgt einen recht ähnlichen Ansatz und erzählt vom titelgebenden Bauern, der abgeschieden auf einem Hof lebt. Mit einem Freund sucht Ander hin und wieder die Dorfprostituierte Arantxa auf. Er kennt nichts als dieses einsame, monotone, heterosexuelle Leben. Als er sich ein Bein bricht, muß die Familie den peruanischen Hilfsarbeiter José anstellen. Dessen Gegenwart könnte der Katalysator für einige Veränderungen sein, doch ohne irgendein schwules Rollenmodell weiß Ander mit seinen Gefühlen für José nicht umzugehen und möchte lieber das ihm bekannte Lebensmuster fortsetzen, statt sich auf Veränderungen einzulassen.

Im Heimatland des Films hat man diese bekannten Muster schon in Institutionen überführt: Spanien führte 2005 als weltweit drittes Land eine gleichberechtigte gleichgeschlechtliche Ehe ein und zeichnet sich trotz der katholischen Prägung durch eine überdurchschnittliche Homo-Toleranz aus – allerdings hauptsächlich in den Städten. Deswegen ließ man Regisseur Castón ein Drehbuch entwerfen, welches nicht-heterosexuelles Leben im Baskenland sichtbar machen sollte.

Es ist das einfache Produktionsdesign, die spröde, einsame Darstellung, die etwas distanzierte und äußerst wackelige Handkamera, die absichtliche Langsamkeit der Erzählung sowie die Wiederholung des Alltäglichen – z.B. das ständige Beisammensitzen am Esstisch –, wie auch das eindringliche Fehlen extradiegetischer Musik, in denen Ander dem Abschlußfilm Solange du hier bist ähnelt, jener Zehntausend-Euro-Produktion, die 2006 den deutschen Filmpreis gewann.

Castón hat Ander auch dadurch zu einem ruhigen Film gemacht, daß er große Konflikte, z.B. durch den Tod von Anders Mutter, umgeht und sich auf die Probleme konzentriert, die sein Protagonist mit sich selbst hat. Die angestaute Frustration und Leidenschaft seiner Hauptcharaktere lässt Castón zur Mitte des Films in einer Toilettensexszene kulminieren – ein eindeutiger Brokeback Mountain-Pastiche. Fraglich bleibt, ob die Reduktion von Zärtlichkeit auf ungeschützen Verkehr repräsentativ oder gar aufklärend ist.

Castóns Charaktere sind mittleren Alters, nicht außergewöhnlich hübsch und emotional verschlossener. Das macht sie einerseits lebensnaher, zumal der bebauchte Ander für seine Lage realistisch resigniert und ruppig ist. Er verachtet sich selbst und lässt dies an José und seinem sonstigen Umfeld aus. Dieser hingegen ist geduldig und gleichmütig und zudem hilfreich in Küche und Kuhstall. Trotzdem läßt das gefällige Ende die erbauliche Schlußfolgerung zu, daß sich Ander vielleicht gar aus Liebe denn aus Pragmatismus für José entscheidet. 2010-04-13 12:36

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