— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Friedensschlag – Das Jahr der Entscheidung

D 2010. R,B,K: Gerardo Milsztein. S: Thomas Grube, Barbara Toennieshen. M: P:lot. P: Boomtown Media.
106 Min. Piffl ab 15.4.10

Die Wilden Kerle

Von Tamar Noort Sie stehen auf dem Abstellgleis: Sie haben keinen Schulabschluß, dafür ständig Ärger mit der Polizei, die nächste Schlägerei ist nie weit weg, und in der Familie läuft so- wieso nichts nach Plan. Die Jungs, die in Friedensschlag aus ihrem Leben berichten, stehen stellvertretend für eine Generation von jungen Männern, die von ihren Altersgenossinnen in jeder Hinsicht überholt worden sind.

Die erste Pisa-Studie hat es offenbart, und seitdem scheint es nicht besser geworden zu sein: Jungs sind die wahren Bildungsverlierer. Schulabgänger ohne Abschluß sind zu 64% männlich. Auf Haupt-, Sonder- und Förderschulen sind 70% der Schüler Jungen. Der Bildungsrückstand und die damit verbundene Chancenlosigkeit auf dem Arbeitsmarkt sorgt für Frust – und äußert sich in manchen Fällen in Gewalt. Für die Protagonisten von Friedensschlag ist das Jugendstrafgericht eine so selbstverständliche Instanz wie die Uni für Abiturienten. Das Projekt »Work & Box Company« in München, das für Friedensschlag filmisch begleitet wurde, setzt bei gewaltbereiten Jungs an – und hat immerhin eine Erfolgsquote von 80% bei der Vermittlung der jungen Delinquenten in den Arbeitsmarkt. Die Maßnahme bietet eine Mischung aus sozialpädagogischer Begleitung und Sportprogramm in Form von Boxen. Gewaltbereite Jungs, die unmittelbar vor ihrer ersten Haftstrafe stehen, sollen mit Hilfe der Work & Box-Therapie lernen, daß sie Verantwortung für ihr eigenes Leben übernehmen müssen. Zum Beispiel, indem sie sich selbst, unterstützt von den Sozialarbeitern, um Ausbildungsstellen oder Jobs bemühen. Für viele ist es die erste Konfrontation mit einem Achtstundentag – und das geht häufig schief. Der Film zeigt deutlich die völlige Orientierungslosigkeit der Jungs. Einer steht im Getränkemarkt, nachdem er verkündet hat, dort würde er arbeiten wollen. Nun bekommt er die Chance, und in seinem Gesicht ist zu lesen, wie unvorstellbar es für ihn ist, sich selbst in diesem Kontext arbeiten zu sehen. Existentielle Not ist es nicht, der Junge ist einfach nur baß erstaunt darüber, daß offensichtlich von ihm erwartet wird, er würde hier einen Handschlag verrichten.

Das macht die Jungs nicht unbedingt unsympathisch, es zeigt einfach nur, wie weit sie entfernt sind von der Realität, in der die meisten Mitglieder der Gesellschaft verankert sind. Sie leben vollkommen außerhalb des Systems – aber sie werden sofort als Teil desselben begriffen, sobald sie Regeln verletzen. Die Jungs sehen darin einen Widerspruch: Sie dürfen nicht wirklich mitmachen, aber wenn sie ihr eigenes Ding drehen, kriegen sie eins auf die Mütze.

In diesem Sinne ist das Boxen wohl nicht nur als Ventil für aufgestaute Aggressionen gedacht, sondern trainiert auch das Einhalten von Regeln – das Agieren innerhalb eines Systems.

Richtig verstehen kann man die Jungs nicht. Der Film kommt nicht nah genug ran an die Protagonisten, um sie wirklich ins Herz zu schließen. Das trifft wohl auch auf die Sozialarbeiter zu, die sich herzlichst um sie bemühen. Ihr Verhalten wirkt betulich, anbiedernd manchmal – und das, obwohl sie die schlimmsten Haßtiraden der Jungs durchstehen können, ohne mit der Wimper zu zucken. Das sind harte Kerle, wahre Helden. Aber der Film macht sie zu Vorzeigepädagogen.

Die Produzenten von Rhythm is it! haben mit Friedensschlag erneut ein Thema gewählt, das sich quasi von allein erzählt: straffällig gewordene Jugendliche bekommen eine letzte Chance, bevor sie in den Knast müssen. Bei einer solchen vorgegebenen Dramaturgie und etwa fünf Protagonisten unterschiedlichsten Hintergrunds stehen die Chancen nicht schlecht, daß sich eine gute Geschichte ergibt. Tatsächlich läßt sich am Ende eine Art Bilanz ziehen, einige hatten Erfolg, andere nicht.

Doch der Film bleibt ausschließlich bei diesen Fallbeispielen. Er zeigt den Werdegang seiner Protagonisten, versäumt jedoch die Chance, dem gesellschaftlich höchst relevanten Thema etwas hinzuzufügen. Warum schaffen es am Ende die einen, die anderen nicht? Welche gesellschaftliche Schieflage sorgt dafür, daß die Jungs das Gefühl haben, nirgendwo richtig hinzupassen? Der Film ergründet solche Fragen nicht. Er setzt eher auf den oberflächlichen Effekt der guten Geschichte – das hat schon bei Rhythm is it! sehr gut funktioniert. 2010-04-12 12:26

Abdruck

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap