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Coco Chanel & Igor Stravinsky

F 2009. R: Jan Kounen. B: Chris Greenhalgh. K: David Ungaro. S: Anny Danche. M: Gabriel Yared. P: Eurowide Film Production. D: Anna Mouglalis, Mads Mikkelsen, Anatole Taubman, Yelena Morozova, Natacha Lindinger, Grigori Manukov, Radivoje Bukvic u.a.
132 Min. Pa Co ab 15.4.10

Gewöhnliche Liebschaften

Von Susan Noll Er war der ungezähmte russische Komponist, sie die selbstbewußte Modedesignerin aus Frankreich. Beide einte die Rebellion gegen das Establishment und eine leidenschaftliche Affäre. So erzählt es der Film von Jan Kounen. Er taucht die Handlung in schwelgerische Bilder zwischen Jugendstil und Art déco. Schon der Vorspann übt sich in Dekor: Wie in einem Kaleidoskop brechen Muster ineinander, verschmelzen fließend und geben damit die Erzählbewegung des Films vor. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg sieht man die adrette Coco eine Opernvorstellung besuchen, es ist natürlich eine von Igor Stravinsky, dem verkannten Genie, dem in Paris nicht die Ehre zuteil wird, die es verdient. Die Anfangssequenz ist lang, geradezu ausufernd, sie erfaßt die Vorstellung in ihrer ganzen Breite. Die Kamera fängt den Schock, in den die Pariser angesichts dieser ungeheuerlichen Vorstellung des russischen Musikers fallen, in sinnlichen, durch Ton und Bewegung dynamisierten Bildern ein. Nur eine Frau im Publikum scheint die Kunst hinter der neuartigen Musik Stravinskys zu erkennen: Coco Chanel. So suggeriert es die Kamera, die immer wieder das Gesicht der schönen Frau sucht, aber der es auch nicht gelingt, hinter die starre Maske ihrer Züge zu blicken. Da hat Anna Mouglalis ganze Arbeit geleistet, ihre Coco ist eine sehr unabhängige Figur, hinter der sich bei all dem Selbstbewußtsein auch Härte und Verbitterung verstecken. Die erste Begegnung mit Stravinsky: wie eine Brücke zwischen all der Musik und den schönen Kleidern. Dann ein Zeitsprung, der den Fluß der Erzählung – und auch der Geschichte, es ist der Erste Weltkrieg – unterbricht und die Handlung erst 1920 wieder aufnimmt. Stravinsky ist im französischen Exil, es geht ihm schlecht, und Coco Chanel, die mit ihrer Boutique mehr als erfolgreich ist, sich alles und jeden leisten kann, bietet ihm Unterstützung an: Sie lädt ihn, seine kranke Frau und die vier Kinder auf ihr Landhaus ein. Wieder wird das Auge verwöhnt mit einer aufwendigen Ausstattung, die ein authentisches Gefühl der Epoche vermitteln soll. Aber es hilft alles nichts. So schön und glänzend, wie der Film begonnen hat, so glatt und oberflächlich endet er auch. Coco und Igor leiden an ihrer Kunst, aneinander und an der Welt sowieso, die sie beide zu ihren Lebzeiten nicht als die Künstler respektiert, die sie sein wollen. Wenn Stravinsky der Modemacherin vorwirft, daß sie nicht mehr sei als eine Stoffverkäuferin, tut sich ein Konflikt auf, der dem Film eine interessante Perspektive gegeben hätte: Wann ist ein Künstler ein Künstler? Aber das wird nicht erzählt, stattdessen ergeht sich Kounen in den klassischen Bahnen eines Beziehungsdramas. Natürlich bekommt Stravinskys Ehefrau bald Wind von der Affäre und verläßt ihren Mann. Es endet, wie es enden muß, mit einem weiteren Zeitsprung in die Zukunft, wenn beide Künstler alt und verbraucht sind, aber anscheinend immer noch aneinander denken. Was nun aber die entscheidende Konsequenz aus ihrer Liaison ist, bleibt dem Zuschauer verborgen. 2010-04-09 10:18

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