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Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen

D 2010. R,B,K: Hajo Schomerus. S: Daniela Grosch. M: Peter Bräker. P: Busse & Halberschmidt.
89 Min. X-Verleih ab 25.3.10

Ora et iurga

Von Christian Lailach Griechisch, syrisch, koptisch, armenisch, äthiopisch, römisch; katholisch, apostolisch und orthodox. Einmal gut schütteln und was heraus kommt, stimmt. Bestimmt. Auch wenn sich damit längst noch nicht alle christlichen Konfessionen abbilden lassen, die, die sich in und um die Grabeskirche des Gottessohnes scharen, sind auf jeden Fall dabei. Du hast auch aufgegeben, in all dem redundanten Wirrwarr den Überblick zu behalten. Atheistisch amüsiert schüttelst du noch immer den Kopf, über das, was sich da eben vor deinen Augen abspielte, während die Gläubigen ungläubig mit den Achseln zucken, wenngleich sie wußten, daß da was nicht stimmt im Staate Christi.

Hätte Gott nur eine Konfession gewollte, wäre dies die römisch-katholische. – Das meint zumindest Pater Robert, seines Zeichens Franziskaner. Daß die Orthodoxen, egal welche der fünf, dies ein wenig anders sehen, muß nicht erst thematisiert werden. Statt dessen werden Gottesdienste und Zeremonien aufeinander abgestimmt, auf daß man sich ja nicht in die Quere kommt. Denn hier wird gebimmelt, da geräuchert und dort gesungen; und das möglichst zu gleichen Teilen. Versteht sich. Und wenn dann doch mal einer sein Zeitkonto überzieht, schrecken die Gläubigen, die täglich in Scharen die Ruhestatt des gemeinsamen Heiland heimsuchen, auch vor Handgreiflichkeiten nicht zurück. Da fällt es so manches Mal schwer, der Lobpreisung und Anbetung den nötigen Ernst abzugewinnen. Doch damit ist noch lange nicht Schluß im himmlischen Sandkasten. Um sein Bleiberecht zu manifestieren, wird fleißig okkupiert und klammheimlich, während der andere im Gebet sitzt, eine Inschrift ins alte Mauerwerk geritzt. Dies führt zu Streit und Differenzen, die schon bald auch wieder vergeben sind. Doch wehe, wenn sich einer mal nicht an den Putzplan hält! Dann wird er kurzerhand aufs Dach verbannt. So harren die Äthiopier aus, im Freien und in der Erwartung des Tages, an dem sie per himmlischem Dekret wieder einziehen dürfen ins gelobte Haus.

Schomerus widmet sich hier einem Thema, dem, landläufig gesehen, eine gewisse Ernsthaftigkeit gegenüber gebracht werden sollte. Doch die Geistlichen selbst kichern und biegen sich vor Lachen, wenn sie in kleinen Anekdoten erzählen, wie sie den ein oder anderen um ein paar Minuten seiner Gebetszeit gebracht haben. Dies befreit zwar nicht vom grundsätzlichen Respekt, doch vereinfacht es den Umgang mit dem Sujet. So schert sich Schomerus letztlich herzlich wenig um die Gottesfürchtigkeit seiner Protagonisten, schneidet sie fröhlich gegeneinander, läßt sie sich widersprechen und einander bloßstellen. Abends jedoch, wenn es ruhig wird und Stille und Andacht einkehren, macht sich Schomerus daran, die allnächtliche Bedächtigkeit einzufangen, wenngleich noch immer das Durcheinander des Tages, gestützt von der ewigen Redundanz, in den Gemäuern nachhallt. So stellt sich zwangsläufig manches Mal die Frage nach der Notwendigkeit der immer wiederkehrenden Inhalte. Vor Details und Informationen überberstende Bilder, in Struktur und Duktus immergleiche Worte der Priester, Mönche und Patriarchen. Doch stehen diese nicht vielmehr für die seit Ewigkeiten andauernden Zwistigkeiten zwischen den Glaubenstraditionen der im Grunde gleichen Religion? Zwietracht, die seit jeher und sicher auch in alle Ewigkeit von Generation zu Generation getragen wird.

Den Schlüssel zur Grabeskirche übrigens, den behütet seit Jahrhunderten eine muslimische Familie. Pünktlich jeden Tag aufs Neue öffnet morgens und verriegelt abends ein Moslem das schwere Tor zur Kirche. Er lacht und meint, wenn dies nicht so wäre, würden sie sich noch die Köpfe einschlagen. So schließt vielleicht der ein oder andere heimlich auch Allah in seine nächtlichen Gebete mit ein. Amen. 2010-04-06 17:08
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