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Zeit des Zorns

Shekarchi. IR/D 2010. R,B,D: Rafi Pitts. K: Mohammad Davudi. S: Hassan Hassandoost. P: Twenty Twenty Vision Filmproduktion. D: Mitra Hajjar, Ali Nicksaulat, Hassan Ghalenoi, Manoochehr Rahimi, Ismail Amini Young, Naser Madahi, Ali Mazinani, Ossta Shah-Tir, Malak Khazai, Saba Yaghoobi u.a.
90 Min. Neue Visionen ab 8.4.10

Den Wald vor lauter Bäumen, die Stadt vor Autobahnen nicht.

Von Sarah Sander Die sich um die Stadt windenden Autobahnen, der ständige Verkehr, Ali, der wortkarge Protagonist, im Auto – immer wieder. Ein wiederkehrender Topos, ebenso Rhythmus des Films wie Routine. Und die Kamera fährt ihm nach, fängt die Bilder vom Unterwegssein, von serienhaften Bewegungen auf vorgegebenen Bahnen ein, die Isolation im Inneren des Autos. Zeit des Zorns skizziert ein Bild von Teheran, das ähnlich melancholisch-lethargisch wie das in Abbas Kiarostamis Der Geschmack der Kirsche ist – und ähnlich existentiell. Denn hinter der sterilen Bewegung, zwischen den Autobahnbrücken und Betonmauern der Stadt und unter den gedeckten Farben und starren Kadragen des Films scheint eine Spannung zu liegen, die sich kalt und wortlos entlädt.

Im Wald, zwischen kahlen, schwarzbraunen Bäumen, zielt Ali, der verschlossene Jäger, mit seinem Gewehr durch die Bäume hindurch – direkt auf die Kamera, auf den Zuschauer. Ein gespanntes Anlegen und Zielen, kein Schuß. Der Schuß fällt erst als Ali auf der Grenze zwischen Stadt und Umland, auf den kahlgrauen Hügeln über der Autobahn steht und auf die vorbeiziehenden Wagen zielt. Scheinbar wahllos – bis er sein Ziel gefunden hat. Zwei Schüsse, zwei Tote, zwei Polizisten, die ihn daraufhin suchen, auf einer Flucht, die sich im Nebel verliert.

Zeit des Zorns ist ein Film, der nichts erklärt. Ein Film, der Fragen aufwirft, ein Bild, eine Situation skizziert, aber immer genau so weit weg ist und genau so nah dran, daß er nicht deutet, sondern es dem Zuschauer selbst überläßt, sich in den Unwegsamkeiten der Polysemie der Bilder zurecht zu finden. Rafi Pitts, der Regisseur und Drehbuchautor, der schon mit Sanam (2000) und Zemestan – It´s Winter (2006) internationale Beachtung fand (und in Zeit des Zorns erstmals auch die Hauptrolle spielt), erklärt, es sei ihm wichtig, daß seine Filme für verschiedene Interpretationen offen bleiben. So bleibt das Grün von Alis Auto und an den Wänden seines Wohnzimmers ein offen verdichtetes Symbol, das erst durch die Interpretation des Zuschauers und das aktuelle politische Geschehen seine Bedeutung zugewiesen bekommt. Die Dreharbeiten zu Zeit des Zorns waren im Sommer 2009, kurz vor den Präsidentschaftswahlen im Iran und den darauf folgenden Unruhen, abgeschlossen, doch der Tod einer Demonstrantin im Film (zusammen mit all dem Grün) ließ ihn zu einem seismographischen Bild der Zeit werden. Als Ali erfährt, daß seine Frau und Tochter bei einer Schießerei zwischen der Polizei und »Aufständigen« ums Leben gekommen sind, zieht er los und wirft die Frage auf, was einen Menschen noch (auf)halten soll, dem alles genommen ist. 2010-04-07 10:07

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