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Nothing Personal

IRL/NL 2009. R,B: Urszula Antoniak. K: Daniel Bouquet. S: Nathalie Alonso Casale. M: Ethan Rose. P: Fastnet Films, Rinkel Film & TV Productions BV. D: Stephen Rea, Lotte Verbeek, Sean McRonel, Ann Maire Horan, Fintan Halpenny, Tom Charlfa, Fintan Halpenny u.a.
85 Min. MFA ab 8.4.10

Warte nur, balde ruhest du auch

Von Matthias Wannhoff Eine junge Holländerin tritt in die Fußstapfen von Goethes Wanderer und sucht die Ruh – blöd nur, daß es im irischen Flachland keine Gipfel gibt. Mehr noch, der ältere Herr, den sie inmitten der Ödnis antrifft, entpuppt sich als ausgesprochen geschwätzig für einen Eremiten. Und doch bleibt sie bei ihm, wenn auch zunächst nur als Gartenhilfe. Als zivilisatorisches Zugeständnis darf er die Fremde immerhin per Essen entlohnen, sträflichst untersagt jedoch ist das Wechseln von Worten. Was sich nach einer Steilvorlage für die postmoderne Revision von Geschlechterrollen anhört, entzieht sich im Fall von Nothing Personal solch vorschneller Vereinnahmung. So wie der Film überhaupt jeden übermütigen Deutungsversuch seitens des Betrachters medusenhaft einzufrieren versteht.

Im Grunde gebiert sich Urszula Antoniaks Kinodebüt so, wie auch die Hauptfigur im Film ihrem männlichen Counterpart gegenübertritt: verschlossen, widerspenstig, jedes Gesprächsangebot ablehnend. Denn wenn »Verstehen« seit Hans-Georg Gadamer nichts weiter ist als das Geschick, stumme Dinge zum Sprechen zu bringen, dann suhlt sich Nothing Personal mindestens in kommunikativer Apathie. Sowohl die Vorgeschichte der Protagonistin als auch das Motiv für ihren Reißaus bleiben im Dunkeln; und vielleicht zwingt der Mythos vom in die Natur flüchtenden Städter eine Filmemacherin auch zu solchen Methoden, wenn sie von ihm erzählen, aber keinen esoterischen Klischees anheimfallen will. Karge Zwischentitel suggerieren eine Kapiteleinteilung – ein weiteres Merkmal, das Nothing Personal mit dem Stummfilm teilt –, ihre Zeitstruktur und Semantik erklären sich jedoch keinesfalls von selbst.

So ist die erste Hälfte von Antoniaks Film letztlich Patrice Chéreaus Intimacy ohne Sex, denn dem wechselseitigen Sprachverbot der beiden Figuren haftet durchaus etwas Verruchtes, für beide Seiten Erniedrigendes, ja geradezu Sadomasochistisches an. Daß die Schweigemauern recht bald zu bröckeln beginnen, ist vorhersehbar – und doch steckt in dieser berechenbaren Wendung die große Überraschung des Films. Denn Antoniak setzt hier zwei Menschen in Szene, die bei ihrem Versuch, miteinander ins Gespräch zu kommen, mitunter derart grandios scheitern, daß schon das bloße Zusehen schmerzt: Humor trifft auf kaltschnäuzige Verweigerung, wohlwollende Kontaktsuche auf den Wunsch nach Diskretion. Wenn dann manches Gespräch einfach abbricht, wird deutlich, daß hier Dialoge von tatsächlicher Lebensnähe stattfinden – denn so und nicht anders, nämlich alles andere als perfekt, funktioniert im Leben jenseits der Leinwand Kommunikation. Hinter der kalkuliert-kühlen Inszenierung des Unwahrscheinlichen hält Nothing Personal somit eine beachtliche Portion Realismus parat, die einen Film ins Affektive hinüberrettet, der ansonsten weniger zur Deutung denn zur Kontemplation einlädt. Wem dies genügt, der dürfte in Antoniaks Film für anderthalb Stunden wahrlich die Ruh finden. 2010-04-06 16:12

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