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A Single Man

USA 2009. R,B: Tom Ford. B: David Scearce. K: Eduard Grau. S: Joan Sobel. M: Abel Korzeniowski. P: Artina Films, Depth of Field, Fade to Black. D: Colin Firth, Julianne Moore, Nicholas Hoult, Matthew Goode, Ginnifer Goodwin, Ryan Simpkins, Joe Kortajarena, Lee Pace u.a.
101 Min. Senator ab 8.4.10

Der unerhörte Ruf der Marionette

Von Alexander Scholz Es ist eine nahezu pränatale Geborgenheit, die der Prolog von A Single Man versinnbildlicht. Georges Falconers nackter Körper wird behutsam von der Kamera abgetastet, während sich der Protagonist in extrem verlangsamter Bildfolge unter Wasser bewegt. Nur sein Äußeres steht im vollständigen Kontakt mit der Umgebung – sein Inneres ruht. Allein die einsetzende Bewegung Falconers lässt den Zuschauer stutzig werden, passt sie doch in ihrem hektischen Ausdruck kaum zum suggerierten Gleichmut. Von diesem bleibt, wenn man später erfährt, daß der Prolog auch Prolepse ist, kaum etwas übrig. Ambivalenz, hier durch recht simple Mittel herbeigeführt, ist das prägende Prinzip, dem dieser Film zu folgen versucht. Es ist mutig, einen Begriff zur Maxime zu erheben, der oft leichtfertig benutzt wird, um sich eine allzu eingehende Auseinandersetzung mit künstlerischen Gegenständen zu ersparen. Daß ein solcher Film von einem Mann realisiert wird, der bisher eher dafür bekannt war den Primaten des selbst gezimmerten Schönheitsideals zu propagieren, ist einigermaßen verwunderlich.

Tom Ford ist zunächst einmal ein sehr erfolgreicher Modedesigner, der nachdem er Modehäuser mit Klang auch wieder mit Glanz ausgestattet hatte, seine eigenes Label gewinnbringend auf dem Markt der Eitelkeiten positionierte. In seinem Regiedebüt nimmt er sich eines kurzen, weitesgehend im inneren Monolog gehaltenen Romans des britisch-amerikanischen Autors Christopher Isherwood an. In diesem meutert der Literaturprofessor George Falconer, der dem Heroismus zugunsten der Alternativlosigkeit des Lebens abgeschworen hat, gegen das Establishment. Er tut dies, indem er sich ihm fügt, seine Rollentypen mühelos bedient und dennoch weiß, daß er anders ist. Selbst seine Homosexualität und das Gedenken an seinen verstorbenen Partner werden für ihn zum Akt der stillen Rebellion. Ford hat aus dem Roman, der nur einen Tag umfasst, eine Novelle gemacht. Das Opfer, das er dafür bringt, besteht darin, das Themenspektrum des Romans in ein Themenzentrum zu komprimieren. Der Gattungswechsel im Drehbuch kommt zustande, weil Ford den Ereignissen des Films eine »unerhörte Begebenheit« voraussetzt: Der trauernde Falconer beschließt, seinem Leben ein Ende zu setzen. Die Frage, wie buchstäblich unerhört dieser Wunsch ist und bleibt, liegt nun bedeutungsschwer über jeder seiner Handlungen. Die prominent besetzten Nebenfiguren werden dabei ein wenig zu oft zur Abbildungsfläche Falconers Emotionen, stehen sie doch selbst an Wendepunkten ihres Lebens. Einmal, als Ford den dramaturgischen Determinismus durch eine mäßig subtile Episode zu unterbrechen trachtet, geht dann auch der Pathos mit dem Debütanten durch. Ansonsten oszilliert das Geschehen des Tages zwischen Routine und Endgültigkeit, zwischen Schüchternheit und letzter Chance – kurz: Das Versprechen der Ambivalenz ist in der Figurenzeichnung eingehalten. Spätestens hier lautet das obligatorisch gewordene Lob für Colin Firth: Sein Gesicht ist der Schauplatz des inneren Monologes, seine Haltung im besten, kleistschen Sinne marionettenhaft.

Firth' Figur fühlt sich indes auf eine andere Art als Marionette: Geschwächt durch den Schmerz des Verlustes, findet sie, anders als im Roman, keinen Reiz mehr an ihrer stillen Rebellion im Rollenspiel. In hochästhetisierten Rückblenden klärt Ford den Zuschauer über das innige Verhältnis des Paares auf. Der visualisierte Einklang der beiden lässt den Protagonisten in der Gegenwart allein zurück und präsentiert dessen Homosexualität als Allegorie auf eine verordnete Sublimation seiner Gefühle, denen nun der Widerpart fehlt. Der von Nicholas Hoult gespielte Student Kenny kann in dieser Konstellation nur bedingt Abhilfe schaffen: Bis in die Künstlichkeit eines sexuell überambitionierten Werbe-Pin-ups geschönt, funktioniert er eher als Zeichen, denn als Charakter. Kenny ist das Indiz für das omnipräsent Artifizielle einer Szenerie, die dem Gebot des interesselosen Wohlgefallens unterworfen ist und dazu einlädt, als weiteres Motiv für den Selbstmord des Protagonisten verstanden zu werden. Die Stimmigkeit der glatten Oberfläche illustriert in A Single Man die Entropie des Inneren seiner Figuren. Damit ist das Gebot der Ambivalenz auch auf der inszenatorischen Seite eingehalten und ein Film entstanden, der eben jene Bezeichnung zurecht als Auszeichnung verstehen darf. 2010-04-01 13:00

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