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Precious – Das Leben ist kostbar

Precious: Based on the Novel Push by Sapphire. USA 2008. R: Lee Daniels. B: Geoffrey Fletcher. K: Andrew Dunn. S: Joe Klotz. M: Mario Grigorov. P: Lee Daniels Entertainment, Smokewood. D: Gabourey Sidibe, Mo'Nique, Susan Taylor, Paula Patton, Mariah Carey, Lenny Kravitz, Sherri Shepherd, Stephanie Andujar u.a.
109 Min. Prokino ab 25.3.10

Halte durch, wenn’s irgendwie geht

Von Cornelis Hähnel »Life is unfair. Kill yourself or get over it.« lautete der einprägsame Refrain von »Child Psychologie«, der Debüt-Single der englischen Band Black Box Recorder, die darin die Gedanken eines sich von der Außenwelt abschottenden Kindes in bittersüßen Moll verpackten. Es wurde ihr erster Achtungserfolg, auch wenn die britischen Radiosender sich weigerten, das Lied aufgrund des scheinbar zu drastischen Textes zu spielen. Und so verbreitete sich die Kunde vom neuen brillanten Indie-Trio über Mundpropaganda und andere Kanäle.

Precious hätte beinahe ein ähnliches Schicksal ereilt, denn die deutschen Verleiher zögerten, den amerikanischen Überraschungserfolg ins hiesige Kino zu bringen. Zu schwierig, zu speziell sei der Film für den deutschen Markt. Glücklicherweise hat die Romanverfilmung (basierend auf »Push« von Sapphire) nun doch seinen Weg auf die große Leinwand gefunden und kann seinen Siegeszug jenseits der Insiderkreise fortsetzen.

Claireece, die sich selbst Precious nennt, ist 16 Jahre alt, stark übergewichtig und bereits zum zweiten Mal schwanger. Ihr erstes Kind leidet am Down-Syndrom, Precious selbst ist mit dem HI-Virus infiziert. Zusammen mit ihrer arbeitslosen Mutter lebt sie in ärmlichen Verhältnissen und muß ständig deren Launen und Misshandlungen über sich ergehen lassen. Da die zweite Schwangerschaft ihre Schullaufbahn gefährdet, wird Precious an ein besonderes Lernprojekt vermittelt, wo sie nicht nur endlich Lesen und Schreiben lernen, sondern ihrem Leben eine Richtung geben soll.

Zugegeben, da kommt so einiges an absolut ungünstigen Zuständen zusammen. Und in der Tat erscheint Precious Leben als einziger Scherbenhaufen und am Rande des Erträglichen. Immer wieder wird die Spirale der Erniedrigung eine Windung weitergedreht, das beklemmende Gefühl der Hilf- und Hoffnungslosigkeit beständig lanciert. Daß man als Zuschauer trotz der eklatanten Problemüberflutung nicht sofort dicht macht liegt an den mannigfaltigen Qualitäten des Films. Zum einen inszeniert Regisseur Lee Daniels Precious zwar mit bedingungsloser Härte und dringt dabei in die tiefsten Winkel des Schmerzes vor, doch in keinem Moment stellt er seine Protagonistin bloß oder suhlt sich gar in deren Schicksal, nein, durchweg ist seine Liebe zu den Figuren spürbar. Und so läßt er Precious die Kraft ihrer Gedanken, mit denen sie sich in Momenten, in denen die Schwere des Lebens sich zu sehr auf sie zu legen mag, in eine intakte Traumwelt katapultieren kann. Durchatmen und Realitätsflucht zu gleichen Teilen, aber immer mehr als eine bloße Übersprungshandlung.

Zudem ist der Film geprägt durch die beeindruckende Präsenz von Gabourey Sidibe, welche sich als Precious mit einer ungeheuren Mischung aus Lethargie und Trotz durch ihr Leben schubsen lässt. So entsteht eine fast unerträgliche Nähe wie man sie lange nicht mehr im Kino erlebt hat, die trotz all des erdrückenden Drecks eine tief verborgene Zuversicht zu offenbaren vermag, die das Zauberwort »Authentizität« sowohl forciert als auch verachtet.

Aber auch die restliche Besetzung erweist sich als ein kompletter Glücksgriff: Die berechtigt vielfach umjubelte und mit Preisen bedachte Mo’Nique überzeugt als ein Monster von einer Mutter, die in ihrem finalen Monolog eine fast körperlich abstoßende Mischung aus Mitleid und Hass zu vermitteln mag. Und sogar die größte Skepsis des Films, Mariah Carey, überrascht als Sozialarbeiterin mit einem klaren und extrem nüchternen Spiel und vermag gar durch ihren Komplettverzicht auf Eitelkeit zu begeistern.

Precious ist, trotz aller Härte und Schicksalsschläge, letztlich (und dies sei mit einem Hang zum ordentlichen Euphemismus gesagt) ein Feel-Good-Movie. Zwar greift hier weder in verklärender oder romantisch-verträumter Art und Weise die Hollywood-Cinderella-Story, noch klopft der »american dream« wohlwissend lächelnd an die Türe. Einzig der Konjunktiv einer Prise Hoffnung und Selbstvertrauen reicht letztendens, um ein zuversichtliches und ehrliches Lächeln über das malträtierte Leben zu legen. Denn die Entscheidung obliegt dennoch einem selbst: »Life is unfair. Kill yourself or get over it.« 2010-03-24 16:29

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