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Drachenzähmen leicht gemacht

How to Train Your Dragon. USA 2010. R,B: Dean Deblois, Christopher Sanders. B: Adam F. Goldberg. S: Maryann Brandon. M: John Powell. P: DreamWorks Animation.
98 Min. Paramount ab 25.3.10

Dragons are the new dogs

Von Natália Wiedmann Ledrig und kühl erscheint die schuppige Haut, das tiefe Schnaufen und Grollen des schwarzen Nachtschattens vibriert dunkel durch den Kinosaal, immersiv wie die Bilder selbst. So liegt der Drache zu Füßen des schmächtigen Hicks, Sohn eines Wikingerhäuptlings und dessen Schande, da sich der kriegerisch unbegabte Hicks bei den Drachenangriffen auf das Wikingerdorf bislang als keine große Hilfe erwies – es sei denn, für die gegnerische Seite. Doch statt seine Chance zu nutzen, versagt sich Hicks den sozialen Aufstieg zum Drachentöter und befreit das Tier – wir haben es ergo mit dem vielleicht einzig genuinen Kinderfilmgenre zu tun, dem Tierfreundschaftsfilm.

Nur um falschen Erwartungen vorzubeugen und damit unnötige Enttäuschung zu vermeiden, an alle Eltern, die ihren Sprößlingen aus dem gleichnamigen Buch vorlesen, eine Warnung zu Drachenzähmen leicht gemacht: ‚Gleichnamig’ beschreibt die Gemeinsamkeiten von Buch und Film schon äußerst treffend. Daran ist nichts Schlechtes – beide sind auf ihre eigene Weise großartig, das Buch mit seiner schnoddrigen Sprache und witzigen Diskussionen mit einem egozentrischen Kleinkind in Drachenform und der Film mit seiner überzeugenden Animation des Tieres, Animation im besten Sinne einer Beseelung. Die Erfindung seiner Form und seiner Laute blieben nur eine beeindruckende Hülle, würden sie nicht von einer gelungenen Verhaltensfindung komplettiert, wobei sich canine Grundzüge mit dem Gebären weiterer Tiere mischen. Wenn er die spitzen Zähne entblößt oder sich die Pupillen von einem Schlitz zu einem großen, schwarzen Kreis öffnen, erscheint der schwarze Nachtschatten wie ein entfernter Vorfahre des blauen Aliens aus Lilo & Stitch – und wie bei diesem lösen gekonnt und in sekundenschnelle Flucht- und Beschützerinstinkte einander ab. Als zentrale Figur ist dieser Drache der eleganteste, die meisten anderen sind schräge Vögel: Schreiend bunt, ein bißchen komisch, aber nicht weniger originell – man nehme den dicken grünen Gronckel, der mit seinen winzigen Flügeln ein wenig an eine Hummel erinnert (die sich als Wildschein verkleidet hat). Ähnlich hebt sich auch Hicks von seinen stärker typisierten Gleichaltrigen ab, zeigt eine verblüffende Bandbreite von Gesichtsausdrücken, die von einer überraschend gelungenen Synchronisation unterstützt werden.

So oszilliert der Animationsstil zwischen diesen Polen, zwischen dem Karikaturhaften und hyperrealistischen Darstellungen, zwischen bulkigen Wikingergesichtern und den dünnen Härchen auf ihren enormen Oberarmen, wie überhaupt der Film einen fein austarierten Eindruck erweckt. Gags wie emotionale Szenen nehmen gerade den Raum ein, den sie zum Belustigen oder Berühren brauchen ohne ins Peinliche zu verfallen, actiongeladene Passagen stehen neben langsamen Entwicklungen, die irischen Klänge des Scores harmonieren mit der Landschaft, die Geschichte trägt sich trotz ihres generisch vorhersehbaren Verlaufs, und die Plastizität der Bilder erweist sich insbesondere während der Flugsequenzen als ein Zugewinn an Erlebnisintensität, die sich durch ein Hochgefühl und angenehmes Prickeln der Haut bemerkbar macht – zumindest vielleicht.

Ein unerwarteter Höhenflug zuletzt: Das notwendige, das unausweichliche, das eingeforderte glückliche Ende wird entkitscht und doch darum nicht weniger glücklich, der Protagonist entkommt dem sicheren Tod und bleibt doch nicht unverletzt. Retrospektiv bleibt die erste Überraschung ungerechtfertigt, denn der Film bereitet diesen Moment wunderbar vor, zeigt körperliche Beeinträchtigung als Teil der Normalität statt als Zentrum eines Problems. Man fürchtet sie nicht, man erhofft sich eine Fortsetzung mit dem sympathischen Hicks umso mehr, clever, hartnäckig, mutig, versehrt. Applaus für den Drachenflüsterer! 2010-03-26 20:35

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