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Remember Me

USA 2010. R: Allen Coulter. B: Will Fetters, Jenny Lumet. K: Jonathan Freeman. S: Andrew Mondshein. M: Marcelo Zarvos. P: Underground Films and Management. D: Robert Pattinson, Emilie de Ravin, Pierce Brosnan, Chris Cooper, Lena Olin, Ruby Jerins, Tate Ellington, Gregory Jbara u.a.

113 Min. Concorde ab 25.3.10

Die Gegenwart der Vergangenheit

Von Martin Thomson Die Erinnerung verwahrt das Gewesene in der Gegenwart. Einer der Träume, welche die zeitgenössische Philosophie in der Gegenwart zu verwahren versucht ist das Trauma, denn es garantiert den dauernden Fortbestand der unbewältigten Vergangenheit. Der Philosoph Boris Groys sublimiert in diesem Zusammenhang das Trauma gar zur letzten allgemein akzeptierten ontologoischen Garantie der Unsterblichkeit, nachdem alle anderen vergleichbaren Garantien in Zweifel gezogen wurden. »Die Kultur kann sich demnach in der Zeit nicht anders reproduzieren als durch eine Serie von Traumatisierungen, die allein die historische Kontinuität der Kultur sichern können,« merkt Groys an.

Der Freifahrtschein ist also gelöst um hemmungslos konstatieren zu können, daß nichts Gewesenes jemals abgeschlossen, daß also alles Abgeschlossene seiner Verleumdung willen darauf beharrt als abgeschlossen gedacht zu werden. Dietmar Daths Kommentar aus Alexander Kluges »Nachrichten aus der ideologischen Antike« erscheint einem nach dieser ausweglosen Feststellung wie der einzig legitime Ausweg. Liebe, so Dath, solle nicht als Parataxe, nicht als Aneinanderreihung von selbstständigen Sätzen, sondern als Hypotaxe, als Unterordnung von Nebensätzen unter einem oder mehreren Hauptsätzen gedacht werden: »Nachdem ich den getroffen habe, der mich daran erinnert hat, daß ich von jenem gelernt habe, daß ich der bin, der ich eigentlich sein möchte, aber nicht immer sein kann, habe ich bei diesem Menschen gelernt, daß es noch andere Formen gibt, der zu sein, der wiederum zu dem Menschen paßt, den ich noch gar nicht kenne.« Es geht also nicht, wie von vielen praktiziert, um das Stapeln sondern um das Schachteln von Erfahrungen. Um eine Aufbewahrungsform, in der das Gewesene bleibt. Um ein gelebtes, kristallförmiges Prinzip von Liebe. »Stapeln führt zum Zerfall«, meint auch Kluge. Dath pflichtet dem bei, »weil jedes nächste Ding das Davor einfach nur verneint, anstatt damit in Austausch zu treten.«

Will Fetters, Drehbuchautor von Remember Me, wird sich vermutlich ähnliche Gedanken gemacht haben. Gleich in der ersten Einstellung des Films lassen sich zahlreiche Elemente im gleichen Bildensemble antreffen, als würden sie, zusammen mit dem Ende des Films, eine Hypotaxe bilden. Zuerst klärt ein Insert darüber auf, in welchem Jahr man sich befindet: 1991. Eine Bahn-Station in New York. Verlassen. Es ist Nacht. Eine Frau und ein junges Mädchen, offenbar ihre Tochter, vertreiben sich das Warten am Haltesgleis mit Scherzereien. Im Hintergrund ragen die strahlenden Türme des World Trade Centers in den Nachthimmel. Die Mutter schaut flüchtig zur Seite und entdeckt, daß sie und ihre Tochter von zwei Jugendlichen beobachtet werden, deren Auftreten und Kleidung darauf schließen läßt, daß sie Straßenkriminelle sind. Tatsächlich mündet der flüchtige Blickkontakt in einem Raubüberfall. Einer der beiden entreißt der Mutter, die sich sogleich schützend vor ihre Tochter stellt, die Handtasche. Die Bahn fährt ein. Die Schiebetüren öffnen sich. Die Kriminellen steigen ein. Die Türen schließen. Selbsttätig. Wieder ein Blickkontakt. Diesmal durch Glas. Nicht mehr flüchtig wie zuvor. Das Opfer unterdrückt seine Angst, mustert den Täter herausfordernd. Der Täter öffnet die Tür und schießt auf die Mutter. Die Tochter bleibt zurück. Die Mutter ist tot. Die Bahn fährt ab.

Das Word Trade Center bildet hier die Hintergrundkulisse einer individuellen Tragödie, die sich im Vordergrund abspielt. Individuelles und kollektives Trauma rücken zusammen. Als Rückblende bietet es dem gegenwärtigen Zuschauer die Erinnerung an etwas Gewesenes, das, der Erfahrung der Tochter nicht unähnlich, gewaltsam zum Verschwinden gebracht wurde. Von jeder Gegenwart befreit ist es Bild einer noch nicht eingetretenen Zukunft, mit der ein anderes Bild einhergehen wird, das im Augenblick seiner Live-Übertragung vom Individuum als Schock erfahren und in der anschließenden Endloswiederholung den Charakter eines kollektiven Traumas annehmen wird.

»Zehn Jahre später«, heißt es in einem weiteren Insert, das dieser bedrückenden Einleitung folgt. Die zurückgelassene Tochter mit dem Namen Ally Craig ist inzwischen eine junge Frau. Sie lebt mit ihrem Vater zusammen, der Polizist ist. Eine Parallelhandlung setzt ein: Die typische Geschichte eines rauh-smarten 21jährigen wird erzählt. In der Figur des Tyler Hawkins, so der Name des Sadcore-Stereotypen, der, genau wie Ally, mit einem zurückliegenden Verlust zu kämpfen hat, sammeln sich fast alle Klischees, die über einen gebrochenen und deswegen zum poetisch-urbanen Hamlet mutierten Ödipus der Jetzt-Zeit in Umlauf sind: Er ist der verstoßene Sohn eines egoistisch-geschäftstüchtigen Vaters und einer heilig-häuslichen Mutter. Einer, der also in einer Patchwork-Familie zum Mann werden muß.

Wer dem Film seinen Mittelteil vorwerfen will, weil etwa die von Robert Pattinson verkörperte Hauptfigur in einem schicken New Yorker Café über ein Tagebuch gebeugt Ghandi Aphorismen aus dem Off rezitiert, hat das absolute Recht dazu. Genau das gleiche trifft auch auf die Befürchtungen zu, die sich sowohl hinsichtlich der tradierten Genremuster der Teenager-Klamotte, als auch des Teenager-Melodrams bewahrheiten. Hier fehlt weder der sprücheklopfende Sidekick, der die vom Helden verbreitete depressive Grundstimmung abdämpft, noch die herzerweichende Love-Story, die sich zwischen dem ketterauchenden Tyler und der schlagfertig-süßen Ally entfaltet.

Es sollte allerdings auch nicht vergessen werden, daß es sich bei Remember Me, trotz seines hochkarätig besetzten Ensembles von Charakterdarstellern im mittleren Lebensalter, eben vorrangig um ein Teenager-Drama über 20jährige Menschen in der Prelife-Crisis handelt. Daß in der gehobenen Mittelklasse an der Schwelle zum Erwachsenwerden auch immer etwas aufgesetzt, in coolen Klamotten und schnieken Apartments gelitten wird, ist nun mal ein Klischee, wie es von romantischen Einzelgängern auch oft genug im wirklichen Leben dankbar aufgegriffen und aktiv ausgelebt wird. Der Mittelteil läßt sich vor allem auch deswegen entschuldigen, weil Regisseur Allen Coulter zwar immer wieder zu Mitteln aus dem Standardrepertoire des Teenagerdramas greift, sie aber so dezent einsetzt, daß sie die wirklich anrührenden Momente nicht zu überdecken schaffen. Bezeichnend für diesen Balanceakt ist eine unkommentiert eingespielte Szene aus American Pie, die der Held im Kinosaal überhaupt nicht komisch findet. Plötzlich erscheint einem die infantile Teenagerklamotte, die hier wie eine kritische Reflexion über das eigene Genre daherkommt, Lichtjahre weit entfernt von Coulters Film. Vielleicht ist Remember Me im Mittelteil ja auch der Teenagerfilm, wie es ihn am Ende eines krisengeschüttelten amerikanischen Jahrzehnts nach 9/11, Irakkrieg und Wirtschaftskrise nur noch in dieser und keiner seichteren Form mehr geben darf.

Daß Coulter mitunter das Potential der dramatischen Zuspitzungen und seiner hervorragenden Schauspieler verspielt, indem er hier und da die Konflikte zwischen den Figuren unnötig überstrapaziert, tut der im Drehbuch von Fetters enthaltenen Grundintention, die sich durchaus als wahrhaftig und tiefsinnig ansehen läßt, jedoch keinen Abbruch: Sie mag nicht immer mit den richtigen Methoden ausformuliert werden, ruht aber weitgehend sicher auf dem richtigen Fundament. Manchmal genügt schon eine unauffällige Geste von Pierce Brosnan, wie er sich eitel die Krawatte zurechtrückt oder der Schatten eines, mit gefalteten Händen nachgestellten Vogels auf dem Rücken der weiblichen Hauptfigur, um über etwaige Entgleisungen als notwendiges Übel der beabsichtigten Kommerzialisierbarkeit des ernsten Stoffes hinwegsehen zu können. Vor allem aber ist es der brillanten thematischen Klammer zu verdanken, die sich erst mit Ende des Films schließt, daß sich Remember Me als einer der wenigen Ausnahmefälle innerhalb seiner Genremöglichkeiten ansehen läßt.

Weit voneinander entfernte Zeiträume werden erst hier in Beziehung zueinander gesetzt und die Lebensläufe der Figuren zu Durchflußgelände der historischen Wirklichkeit. In der individuellen Tragödie spiegelt sich das kollektive Trauma. Wenn sich die Kultur in der Zeit tatsächlich nicht anders reproduzieren kann als durch eine Serie von Traumatisierungen, welche die historische Kontinuität der Kultur sichern, dann muß Remember Me selbst, gerade weil dieser Film als ein kommerziell ausgerichtetes Produkt aus ihr hervorgegangen ist, ebenfalls als Durchflußgelände angesehen werden. Anfang und Ende des Films führen aber auch vor, daß dem Liebeskonzept der Verschachtelung, der Hypotaxen, von denen Dath spricht, so etwas wie der Keim der Unsterblichkeit einer besseren Gegenwart innewohnt, die über ihren stetigen Rückwärtsschlag nur an Bewußtheit für das Kommende gewinnen kann. Die Utopie davon ist realistisch. 2010-03-31 15:41

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