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Tanzträume – Jugendliche tanzen KONTAKTHOF von Pina Bausch

D 2010. R,B: Anne Linsel. K: Rainer Hoffmann. S: Mike Schlömer. P: Tag/Traum Film- und Videoproduktion.
92 Min. RealFiction ab 18.3.10

Schul Kontakt Hof.

Von Sarah Sander Daß Tanztheater zentral mit der Inszenierung von Körpern zu tun hat, versteht sich von selbst. Daß diese Körperbilder bei Pina Bausch stets extrem, exzentrisch und exzessiv waren – Körperbilder am Rande des Zusammenbruchs; des Zusammenbruchs nicht der Körper, sondern der gängigen Bilder von ihm – wissen alle, die Pina Bauschs Choreographien kennen. Daß aber bei der Inszenierung von Kontakthof. Mit Teenagern ab 14 2008 in Wuppertal gerade dasjenige Mädchen mit dem extrem anorektischen Körperbau auf die Hauptrolle besetzt wird, erstaunt insofern doch, als daß diese Besetzung in dem Dokumentarfilm von Anne Linsel und Rainer Hoffmann nicht ein einziges Mal thematisiert wird. Über Monate haben die beiden Filmemacher die Jugendlichen bei den Proben mit der Kamera begleitet, haben Interviews geführt und die Ängste, Annäherungen und Fortschritte der Laientänzer dokumentiert. Ein Jahr lang haben gut 40 Schülerinnen und Schüler verschiedener Wuppertaler Schulen Kontakthof von Pina Bausch mit den ehemaligen Bausch-Tänzerinnen Jo Ann Endicott und Bénédicte Billiet einstudiert. Pina Bausch selbst kam regelmäßig zu den Proben. Durch den plötzlichen Tod der Choreografin im vergangenen Sommer ist der Film auch zum Zeitdokument einer Ikone des modernen Tanztheaters geworden – und doch bleibt er ganz bei den jugendlichen Tänzern.

Wie die magersüchtig aussehende Joy, die nicht weiß, ob sie das schaffen kann, dieses »Aus-sich-Herausgehen«, zuletzt doch die Hauptrolle tanzt; Wie das Mädchen im roten Samtkleid, das hysterisch lachend im Kreis rennen muß, während die Kamera am Rad dreht, verzweifelt an ihrem künstlichen Lachen; Wie die gesamte Gruppe das Becken kreisen läßt, sich selbst und die Partner berühren, kneifen, streicheln muß – Intimitäten in der Öffentlichkeit!; Wie die Jungs über ihre Fortschritte aufgrund des Tanzens sinnieren und doch erstmal die eigene Unsicherheit und Ungeschicklichkeit überwinden müssen; Und wie im Verlauf der Proben der Körper der Tänzer zum Material wird – die Klapperdürre, die die Zerbrechliche spielt; die Kindliche, die auf die Hilfsbedürftige besetzt wird; die Sportliche als cholerische Ballettlehrerin. Die Körper der Jugendlichen scheinen für die Profitänzerinnen, die nicht nur bei der Uraufführung von Kontakthof 1978 schon dabei waren, sondern auch vor zehn Jahren gemeinsam mit Pina Bausch Kontakthof. Mit Damen und Herren über 65 inszenierten, mehr Bildmaterial als psychologisches Problemfeld. Das ist schräg und schön zugleich – und wirft ein grelles Licht auf das harte Geschäft mit dem Körper, um das es beim Tanz auch immer geht.

Pina Bausch thematisiert dieses Geschäft mit den Bildern von Körpern in Kontakthof in mehreren Szenen, Anne Linsel und Rainer Hoffmann in Tanzträume leider kaum. Nur vermittelt über das Stück, entspinnt sich auch im Film ein Diskurs über Körper im Tanz – der viel seiner Stärke aus der Unerfahrenheit, der Scham, dem Trotz, aber auch der Anstrengung und der Ambition der Jugendlichen zieht. Wie die Unsicherheit der Jugendlichen zur Schüchternheit der Rolle wird, wie gutgemeinte Tanzanweisungen (»Fühl dich so, fühl deine Haut. Du mußt noch verliebter sein.«) jedoch aus der koketten Schüchternheit der Rolle wieder trotzige Jugendliche machen – das sind die Erfahrungen aus der Arbeit mit Jugendlichen, keine Körperbilderkritik. Schul Kontakt Hof als Referenzpotential. Und doch wird der Film mit den Fortschritten der Jugendlichen immer besser, ist näher dran und zeigt in Close-Ups und Montage, was so ein Tanzfilm kann: Bilder von Tanzen vermitteln, die Spaß machen, dabei sein lassen – und jede Vorgeschichte, jede Peinlichkeit und Ungeschicklichkeit, für den Moment vergessen machen. Und die Jugendlichen sind immer besser geworden, tanzen, bewegen sich, schauspielern toll. Und machen fast, fast das Schultanztheaterdokumentationsartige des Films vergessen, als es dann zur Aufführung kommt. 2010-03-18 15:27
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