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Das ganze Leben liegt vor dir

Tutta la vita davanti. I 2008. R,B: Paolo Virzì. B: Francesco Bruni, Michela Murgia. K: Nicola Pecorini. S: Esmeralda Calabria. M: Franco Piersanti. P: Medusa Film, Motorino Amaranto. D: Isabella Ragonese, Micaela Ramazzotti, Sabrina Ferilli, Valerio Mastandrea, Elio Germano, Massimo Ghini, Mary Cipolla, Giulia Salerno u.a.
117 Min. Movienet ab 18.3.10

Bolognese und Berlusconi

Von Lena Serov Das Callcenter ist hierzulande spätestens seit Günter Wallraffs enthüllendem Bericht synonym mit einer unlauteren Arbeitswelt: Betrug am Kunden, psychischer Druck am Arbeitsplatz und Ausbeutung der Arbeitnehmer – kurzum: entwürdigende Lebens- und Arbeitsverhältnisse. In Italien war es die Bloggerin und Schriftstellerin Michela Murgia, die das Callcenter mit ihrem Blog ins öffentliche Bewußtsein rückte und die Machenschaften eines Großkonzerns in dem Buch Il Mondo Deve Sapere niedergeschrieben hat. Diese Satire diente dem Regisseur Paolo Virzì als Vorlage für seine Sicht auf das moderne Italien Berlusconis in seinem Film Tutta la vita davanti.

Im Mittelpunkt steht dabei Martas Eintritt ins Leben des Erwachsenenseins, das ja noch gänzlich vor ihr liegt. Saß sie gerade noch vor dem Prüfungskomitee ihrer Disputation in Philosophie, so findet sie sich nun vis-à-vis von Verlegern und Redakteuren, die sie mit einem »Wir werden uns melden« vertrösten; und hat sie zuvor noch von einem Rom geträumt, das zur Begrüßung des neuen Tages ein fröhliches Musical aufführt, so ist sie später selbst inmitten einer kuriosen Motivationschoreographie im Callcenter, deren Schritte und Parolen sie etwas beschämt imitiert. Aus eben dieser Struktur – also der Umsituierung von Motiven und Szenen – entsteht die für Virzìs Film typische, mitreißende Komik, die teilweise die tragische Alltagsrealität der Figuren umspielt.

Der komische Charakter des Films verdankt sich aber auch seinen grotesken Figuren, die mehr zur Karikatur denn zur Menschlichkeit tendieren: Daniela, die aufgetakelte, intrigante und dominahafte Teamleiterin mit seelischen Abgründen, die letztlich die ganze Firma dem Untergang weiht; Giorgio Conforti, der treulose Gewerkschaftler, der Martas Auskünfte über die prekäre Arbeitswelt nicht nur im Sinne der Aufklärung, sondern auch für seine Selbstinszenierung nutzt oder Sonia, die alleinerziehende Barbie, die immer an der Schwelle zur Kündigung steht. Die Figuren sind damit Ausdruck und Produkte einer entfremdeten und enthumanisierten Arbeitswelt, die noch nicht einmal vor den Mächtigen Halt macht.

Mit Marta als ideale Identifikationsfigur betreten wir die korrumpierte Unterwelt des Callcenters der Firma ‚Multiple Italia’, in der panoptisch ein Plexiglas-Cocoon als Arbeitsplatz neben dem anderen steht, wo die Hierarchien und die Machtausübung klassisch von oben nach unten verlaufen, die Arbeitsaufgaben jeweils nach Geschlecht verteilt sind – Frauen als Telefonistinnen und Männer als Handelsvertreter –, wo unsinnige Produkte aufs Imposanteste gepriesen werden und wo perfide Einschüchterungsmethoden Alltag sind. Diese Erfahrung fordert Martas Integrität und Unbeirrbarkeit ihres guten Willens heraus, dennoch kann sie ihre Einsichten in eine philosophische Studie über Heidegger und die Gruppendynamiken des Callcenters übersetzen.

Paolo Virzì hat in seiner temporeichen Komödie die satirische Bloßstellung des modernen Italiens, für das das Callcenter wohl nicht nur als Modell sondern auch als tatsächliche Realität zu verstehen ist, mit dem unbekümmerten, italienischen Lebensgefühl gepaart, und gleichzeitig am Ende einem zweifelhaften Optimismus Ausdruck gegeben, daß die italienische Küche über alle Sorgen hinwegtrösten kann. 2010-03-16 17:38
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